Nur die halbe Wahrheit

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»Ist hier noch frei?«

Katja zuckt unweigerlich zusammen. Sie hat gar nicht mitbekommen, dass die Tür zu ihrem Abteil geöffnet worden ist. Wie sie auch nicht bemerkt hat, dass der Zug in Dortmund eingelaufen war und gehalten hat. Und das obwohl sie seit ihrer Abfahrt in Münster ununterbrochen aus dem Fenster gesehen hat. Gedankenverloren starrt sie noch immer hinaus und erkennt allmählich, dass nun gut die Hälfte ihrer Reise hinter ihr liegt.

»Entschuldigung?«, sagt der junge Mann und klopft sachte gegen das Glas der halb geöffneten Tür.

Katja dreht langsam den Kopf zu ihm und ihr Gesicht beginnt Schamesröte zu erlangen. Hastig antwortet sie unter rhythmischem Kopfschütteln. »Tut mir leid, ich habe Sie gar nicht … Natürlich, setzen Sie sich bitte.«

»Dankeschön«, antwortet der Mann lächelnd und tritt ein. Er verstaut einen ledernen Aktenkoffer unter den Sitzen und nimmt schräg ihr gegenüber Platz.

Gott, wie peinlich, denkt Katja, und ist mehr als froh, als sich der Zug endlich wieder in Bewegung setzt und ihr neuer Sitznachbar auch nach Minuten keinerlei Anstalten macht, ein Gespräch zu suchen. Neue Bekanntschaften – gar flüchtige – sind einfach nicht ihr Ding. Und ausgerechnet heute steht ihr so gar nicht der Sinn nach Smalltalk.

Zu dumm, dass Katja sich kein Buch für die Fahrt eingepackt hat. Sie war davon ausgegangen, an diesem Tag nicht genügend Konzentration zum Lesen aufzubringen. Jetzt aber ärgert Katja sich maßlos, dass sie ihre Nase nicht einfach in ein Buch stecken kann und unentwegt weiter aus dem Fenster starren muss, damit sich die Blicke von ihr und dem Fremden nicht zufällig treffen.

Noch über eine Stunde bis der Zug wieder anhalten wird, in Essen, ihrem Fahrtziel, und ihr Nacken schmerzt jetzt bereits von der anhaltenden Drehung. Keine Chance. Katja sieht sich gezwungen, ihren Kopf zu drehen, will aber tunlichst vermeiden, ihren Begleiter anzusehen. Rasch lässt sie ihre Sicht über ihn hinweg schweifen und blickt durch die Glastür hinaus auf den Gang.

Durch ihr peripheres Sichtfeld lässt sich dennoch nicht vermeiden, den jungen Mann wahrzunehmen. Anhand seiner tiefen, gesetzten Stimme hat sie ihn sich viel älter vorgestellt, doch ist er augenscheinlich höchstens zehn Jahre älter als sie. Er hingegen scheint sie rein gar nicht zu beachten und ist vertieft in seinen Organizer, den er mit einem Touchpen bedient. Er tippt, liest und schreibt abwechselnd. Notizen, denkt Katja.

Und der Typ sieht gut aus. Sehr gut sogar. Er trägt einen schwarzen Anzug, darunter ein dunkelgraues Hemd, das bis zum Kragen zugeknöpft ist. Unter dem Stoff kann Katja einen sportlichen Körper erkennen.

Himmel, starre ich ihn etwa an? Warum tu ich das?

Schnell schaut Katja wieder aus dem Fenster und bedauert bereits ihren armen Nacken.

»Wohin geht die Reise denn für Sie?«

Verdammt! Meint er etwa mich? Natürlich meint er mich, ist ja sonst niemand hier …

»Ich steige in Essen aus«, antwortet Katja leise.

»So ein Zufall, ich auch.«

Wie abgedroschen ist das denn? Macht der mich etwa an?

Katja kann nicht glauben, was da geschieht! Solch einen Blödsinn kann sie heute doch rein gar nicht gebrauchen! Schnell versucht sie, dieses aufkeimende Gespräch in ungefährlicheres Gebiet zu lenken.

»Geschäftlich nehme ich an?«, erwidert sie gefasst und nickt dabei in Richtung seines Tablets.

Er heftet den Touchpen daran und legt es auf den Sitz neben sich.

»Ach das, ja. Ich habe mich noch ein wenig auf meinen Termin vorbereitet. Ich muss heute einen Kollegen vertreten. Und Sie, wenn ich fragen darf?«

Eigentlich geht ihn das gar nichts an, denkt Katja, aber sie hat ja mit der Fragerei angefangen. Nein, Moment, er hat damit angefangen! Aber darüber zu streiten, oder sich auch nur den Kopf darüber zu zerbrechen, macht schließlich gar keinen Sinn.

»Ich studiere noch, in Münster. Heute sind keine Vorlesungen und ich … ich besuche meinen Onkel.«

»Schön«, lautet seine Antwort. Plötzlich rutscht er auf den Sitz am Fenster ihr gegenüber und streckt die Hand nach der ihren aus. »Komm, so alt sind wir noch nicht. Ich bin Samuel.«

Sie ergreift sie und drückt perplex so fest zu, als wolle sie eine Zitrone auspressen.

»Katja. Nein, eigentlich heiße ich Katharina, aber alle nennen mich Katja.«

Warum erzähle ich ihm das, denkt Katja, doch Samuels Lächeln wirkt so ehrlich, dass sie nicht anders kann als es zu erwidern.

»Freut mich sehr, Katja. Und du besuchst deinen Onkel? Da wohnt ihr aber weit auseinander.«

»Stimmt wohl«, antwortet Katja verlegen, »das hat sich irgendwie ergeben. Er und mein Vater sind damals beide wegen der Arbeit aus ihrer Heimat weggezogen. Jeder in eine andere Richtung. Und seither ist es wie es ist.«

»Doch dafür gibt es ja die Bahn, man kann sich ja jederzeit besuchen.«

»Ja«, sagt Katja und schaut betrübt auf ihre Füße, »doch, wenn ich ehrlich bin, habe ich meinen Onkel schon viele Jahre nicht besucht. Als Kind habe ich beinahe jeden Sommer mit meinen Cousinen verbracht, doch irgendwann ist unser Verhältnis eingeschlafen und … so vergeht Jahr um Jahr und jetzt …«, sie spürt einen dicken Kloß im Hals und erschrickt als plötzlich Samuels Hand auf ihrem Knie ruht.

»Dein Onkel und deine Cousinen freuen sich sicher sehr darauf, dich heute wiederzusehen.«

Katja sieht auf, schließt aber schnell ihre Augen und wendet ihren Kopf, um wieder hinauszusehen, als sie merkt, dass ihre Sicht wässrig wird. Mit einem schiefen Lächeln überspielt sie ihr plötzliches Gefühlschaos und antwortet wenig überzeugend aber immerhin höflich: »Ja, bestimmt.«

Samuel lässt sich in seinen Sitz zurückgleiten und hebt beschwichtigend beide Hände. »Okay, sensibles Thema, tut mir leid. Du sagtest, du studierst noch?«

Katja zieht leise die Nase hoch und wagt es wieder, seinen Blick zu erwidern. Seine leuchtend blauen Augen strahlen eine Vertrautheit aus, die sie vergessen lässt, dass sie sich sonst ungern mit Fremden unterhält.

»Ja, hauptsächlich Pädagogik, ich möchte später mit Kindern arbeiten.«

»Das klingt sehr interessant. Stand bei mir auch mal zur Wahl.«

Katja hebt interessiert eine Braue; ihre anfängliche Skepsis Samuel gegenüber ist inzwischen vollständig verflogen. »Ach wirklich? «

Er muss schmunzeln und schließlich kehlig lachen. »Ach ja, die Studienzeit, ich erinnere mich noch gut daran. Weißt du, ich hatte damals begonnen, Theologie zu studieren, weil es mich unglaublich faszinierte …«

Katja stimmt in sein Lachen ein und unterbricht Samuel mit den Worten: »… und dann hast du ganz schnell gemerkt, wie unfassbar trocken und langweilig das ist! Genau wie mein Kommilitone, der dachte, er kommt vielleicht den Geheimnissen des wahren Jesus auf den Grund. Hat zu viel Indiana Jones geguckt, wenn du mich fragst!«

Samuel kichert leise mit ihr. »Ja … genau, so in etwa.«

»Und, was machst du heute? Du hast dich da auf etwas vorbereitet, oder?«, fragt Katja mutig, wie sie findet.

Samuel wirft einen flüchtigen Blick auf das Tablet neben sich. »Richtig, ich habe später einen Termin und bin noch einmal alles durchgegangen.«

Katja wartet gespannt, ob Samuel noch mehr zu seinem Job erzählen würde, doch das Gespräch nimmt überraschenderweise ein abruptes Ende. Nach einer Weile sieht sie beinahe enttäuscht wieder zum Gang hinaus. Immerhin, ihrem Gefühl nach kann die Fahrt nun nicht mehr lange dauern.

Geräusche dringen an Katjas Ohr. Samuel hat seinen Koffer geöffnet und gießt dampfenden Tee aus einer Thermoskanne in den glänzenden Deckel, der gleichzeitig ein Becher ist. Katja verfolgt neugierig dieses Schauspiel, schaut wie hypnotisiert auf die aufsteigenden Nebelschwaden und atmet das sich im winzigen Abteil rasch verströmende, angenehme Aroma tief ein.

»Grüner Jasmintee. Möchtest du?«, fragt Samuel.

Katja erwacht aus ihrer kurzzeitigen Trance und antwortet ganz leise: »Nein, danke, ich kann doch nicht …«

»Aber klar«, sagt Samuel fröhlich und dreht sachte an seinem Becher, sodass ein leiser schleifender Klang zu vernehmen ist. »Siehst du, der Deckel besteht aus zwei Teilen.«

Katja presst geschlagen die Lippen zusammen. Und da kein weiteres Wort des Protestes von ihr ertönt, schenkt Samuel ein zweites Mal ein und reicht ihr einen der Becher, den sie dankend annimmt.

Wortlos sehen Sie sich über den Rand ihrer Becher an, pusten den Dampf hinfort und nippen vorsichtig am heißen Tee. Minutenlang herrscht Schweigen, doch Katja empfindet es nicht mehr als peinliche Stille. Im Gegenteil. Samuels Blicke schenken ihr Wärme, und die kommt ganz bestimmt nicht vom Tee, da ist sich Katja sicher. Plötzlich sie unheimlich froh über ihre zufällige Begegnung.

»Und was machst du so, wenn du gerade nicht studierst?«

Wieder ist es Samuel, der die Stille durchbricht, doch ihr ist das ganz recht. Einen Moment hält Katja inne, wägt ab, ob sie es ihm wirklich erzählen möchte, und beginnt schließlich.

»Ich … bin Buchbloggerin.«

»Buchbloggerin«, wiederholt Samuel in interessiertem Ton.

Katja weiß mit einem Mal nicht wohin mit ihren Händen und gestikuliert ohne jegliche Kontrolle, als sie glaubt, sich erklären zu müssen. »Das ist so: Ich lese unheimlich gern Bücher und schreibe im Anschluss meine Meinung dazu, die ich später online …«

»Katja, ich weiß, was ein Buchblog ist«, unterbricht Samuel sie schmunzelnd.

Kleinlaut trinkt Katja ihren Tee aus. »Du findest das sicher albern.«

»Ganz und gar nicht! Ich habe immer gern gelesen, und finde es großartig, dass viele sich wieder für Bücher begeistern können.«

Katja kann spüren, dass Samuel das nicht nur so dahinsagt, sondern auch ehrlich meint, was ihr ein Lächeln auf die Lippen zaubert, das sie nur schwer verbergen kann.

»Hast du dir auch Lesestoff für die Zugfahrt eingepackt?«, fragt Samuel und erinnert Katja schmerzlich an ihr Versäumnis.

»Nein, ausnahmsweise nichts, ich … wollte einfach mal abschalten und die Landschaft genießen.«

Sehr kreativ, Katja, rüffelt sie sich selbst und kann nur hoffen, dass Samuel sie nicht durchschaut! Er nickt freundlich, doch bevor er Gelegenheit erhält, noch einmal darauf einzugehen, fragt Katja:

»Und du? Fährst du öfter mit dem Zug?«

Samuel blickt nun zum ersten Mal zum Fenster hinaus, wie Katja auffällt, und es dauert einen Moment, bis er ihre Frage beantwortet.

»Wenn ich außerhalb der Stadt zu tun habe, ziehe ich eine schöne Zugfahrt vor. Die wenigsten Menschen können das noch genießen. Alle wollen nur noch mit dem dicksten und schnellsten Auto ans Ziel kommen und ärgern sich dann maßlos über Tempolimits, Blitzer, Baustellen oder darüber, im Stau zu stehen.«

»Du kommst also viel rum als …«, versucht Katja, Samuel zu überlisten. Und doch bleibt es nur beim Versuch.

»Beruflich sehe ich schon viel von der Welt. Doch auch privat reise ich unheimlich gern. Ganz gleich wohin. Jeder Ort hat seine Vorzüge.«

»Auch sowas wie Lüdenscheid?«, fragt Katja kichernd.

»Aber sicher. Die Stadt des Lichts. Eine sehr schöne Kirche gibt es dort, und auch sonst allerhand zu entdecken.«

»Du warst also schon dort?«, fragt Katja verblüfft.

Samuel lächelt verlegen. »Ich gebe zu, mittlerweile besuche ich viele Orte auf der Welt sogar per Google, wenn mir der Sinn danach steht. Doch in Lüdenscheid war ich wirklich mal. Ich hatte dort als …«

Eine Lautsprecherdurchsage unterbricht Samuel, und beide recken die Köpfe, als wäre es nötig, um die Ansage besser zu verstehen. Katja sieht aus dem Fenster und kann den Bahnhof bereits aus der Ferne erkennen.

»Wir sind gleich da«, sagt sie betreten und zieht ihre dunkelblaue Reisetasche unter ihrem Sitz hervor.

»Stimmt«, spricht Samuel und räuspert sich leise, »Ich fand unser Gespräch sehr angenehm, Katja. Das klingt jetzt sicher … nun, wenn ich dich nach deiner Telefonnummer fragen würde …«

Katja steht urplötzlich auf, da sie ein dringendes Bedürfnis verspürt, welches während ihrer Unterhaltung mit Samuel zu weit in den Hintergrund gerückt ist. Die Situation ist ihr mehr als peinlich.

»Entschuldigung, Samuel. Ja, ich fand es auch sehr nett, und wir können gern unsere Nummern tauschen. Doch ich müsste noch eben schnell zur Toilette.«

»Verstehe«, sagt Samuel mit zweifelndem Augenaufschlag, »doch der Zug läuft gleich ein. Willst du nicht lieber am Bahnhof gehen?«

Katja ist untröstlich. Sie errötet, kann nur vehement den Kopf schütteln und fasst sich kurz wie möglich: »Es kann leider nicht warten. Ich bin gleich zurück.«

Mit ihrer Tasche verlässt sie das Abteil, dreht sich noch einmal um und strahlt Samuel an. »Bis gleich.«

Er erwidert ihr Versprechen nur mit einem freundlichen Nicken.

Der Zug beginnt, seine Geschwindigkeit zu verringern und Katja hastet durch den Gang nach vorne. Vor der Zugtoilette angekommen muss sie feststellen, dass diese gerade besetzt ist. Ungeduldig und zudem von ihrer Blase gepeinigt stampft sie mehrfach mit dem rechten Fuß auf, sieht sich im Gang um und überlegt einen Moment, ob es Sinn machen würde, im hinteren Bereich des Zugs nach einer weiteren Toilette zu suchen. Ein Klick ertönt. Katja lässt einen älteren Herrn vorbei und zwängt sich rasch mit ihrer Tasche in die enge Kabine.

Es dauert keine Minute, bis sie sie erleichtert wieder verlässt; die Bremsen des Zuges singen bereits, und Katja macht sich auf den Weg zurück zu Samuel. Doch Zuggäste anderer Abteile kommen ihr mit ihren Gepäckstücken entgegen, beginnen, ihre Jacken auf dem Gang anzuziehen und machen es Katja somit unmöglich, ihr Abteil zu erreichen.

Nervös versucht Katja, zwischen den vielen Köpfen vielleicht den von Samuel zu erspähen. Schließlich gibt sie sich geschlagen und wartet, bis der Zug zum Stehen kommt. Die letzten Meter bewegt er sich wie in Zeitlupe. Endlich lässt sich die Tür zum Ausstieg entriegeln, und Katja springt auf den Bahnsteig. Mit einigem Abstand zum Zug lenkt sie ihren Blick auf den Waggon, in dem sie zuvor mit Samuel saß. Ihre Augen werden indes von der Schar Menschen überfordert, die auf sie zu und an ihr vorbeiströmen. Nirgends ist Samuel zu erblicken, und Katja fasst den Entschluss, so idiotisch es ihr auch vorkommt, den Zug erneut zu betreten. Immerhin hatte sie ihm versprochen, dass sie sich noch mal sehen würden.

Samuel war ihr bei ihrer Unterhaltung so herzlich und ehrlich gegenüber, sicher ist er im Abteil, sitzt noch immer auf seinem Platz und wartet nur auf Katja. Inzwischen keimt sogar eine leichte Panik in ihr auf, als sie daran denkt, ihn verpasst zu haben. Aber nein, versucht Katja sich zu beruhigen, bestimmt genehmigt er sich gerade noch einen Becher Tee und wird sie verwundert anschauen, wenn sie gleich völlig abgehetzt vor der Glastür erscheint. Niemand ist mehr auf dem Gang unterwegs und Katja geht schneller. Ihre Turnschuhe quietschen auf dem Linoleum und ihre Tasche schleift hörbar an der Wand.

»Das hat ja eine Ewigkeit gedauert«, wird Samuel gleich sagen und Katja überlegt sich vorab eine Antwort, da sie nicht erröten und hilflos stammeln möchte.

Da ist es! Katja schließt erwartungsvoll die Augen und atmet noch einmal durch, sie lenkt ihren Blick ins Innere des Abteils und öffnet ihre Augen. Ihr angedeutetes Lächeln friert sofort ein und erstirbt in der nächsten Sekunde. Samuel ist nicht hier.

In ihrer Verzweiflung schießt Katja ein letzter, rettender Gedanke in den Kopf: wenn sie hinten eingestiegen ist, muss Samuel vorne ausgestiegen sein, da er ihr nicht auf dem Gang begegnete. Also sprintet sie gangaufwärts, als sei der Leibhaftige hinter ihr her. Ihr Herz pocht hart gegen ihren Brustkorb und erinnert sie mit jedem Schlag daran, dass sie heute womöglich etwas verlieren könnte, von dem sie nie geglaubt hätte, es zu finden. Schon gar nicht heute.

Der Bahnsteig erscheint ihr deutlich übersichtlicher als noch vor einer Minute, und trotzdem kann Katja Samuel nirgends erblicken, weder vor dem Zug, noch in der Nähe der Treppen. In ihrem Herzen fühlt sie einen kleinen Stich, als wollte es ihr sagen: »Das war’s.« Und es fühlt sich endgültig an.

Vom Bahnhof aus sind es nur wenige Straßen, erinnert sich Katja, immer die Hauptstraße entlang. Bald würde sie am Haus ihres Onkels sein. Einerseits freut sie sich sehr darauf, ihre Cousinen endlich in die Arme zu schließen. Und doch ist da noch der Schmerz, der sie daran hindert, allzu zügig dort anzukommen.


Samuel wischte beide Becher mit einem Taschentuch aus, bevor er sie wieder zusammenschraubte. Dann packte er die Thermoskanne zurück in seinen Koffer und schob sein Tablet in das schmale Fach an der Außenseite. Der Zug stand schon einen guten Moment lang. Samuel sah interessehalber auf seine Armbanduhr, obwohl Ungeduld sonst nicht seine Art war. Irgendetwas an Katja hat ihn fasziniert. Sie machte ihn nervös, und so kannte er sich gar nicht.

Nach einigen Minuten dachte er über Katjas letzte Worte nach. Wollte sie nicht gleich zurück sein? Vielleicht hatte er sie auch falsch verstanden, und sie meinte lediglich, sie wäre gleich zurück von der Toilette. Warum auch sollte sie noch einmal ins Abteil zurückkehren, ihre Tasche hatte sie doch schon mitgenommen!

Sicher würde er Katja auf dem Bahnsteig treffen, also sprang Samuel sogleich auf und verließ das Abteil. Der hintere Bereich des Zuges, in den Katja kurz vorher verschwunden war, war nun voll von Menschen, die packten und ausstiegen, und Samuel hatte keine Chance, da hindurch zu kommen, also verließ er den Zug und hielt auf dem Bahnsteig hoffnungsvoll nach seiner Bekanntschaft Ausschau.

In keiner Himmelsrichtung konnte er sie erblicken. Zweifelnd betrat er noch einmal den Zug, warf einen Blick ins Abteil und auch durch den inzwischen leeren Gang, bevor er mit leicht mulmigem Gefühl wieder nach draußen ging.

Brauchte Katja womöglich länger in der Zugtoilette, oder musste sie dort warten? Samuel spürte eine unangenehme Hitze unter seiner Haut und seine Finger begannen zu kribbeln. Er wollte nicht glauben, dass Katja ihn versetzt und das Weite gesucht haben könne. Nein, dazu hatten sie sich zu gut verstanden. Und der letzte Blick, den sie ihm schenkte, als sie ging … oder hatte sie womöglich kalte Füße bekommen?

Samuel wusste, er würde nur eine Antwort finden, indem er Katja fand. Oder eben, wenn er sie nicht fand. So beschloss er, noch einmal im hinteren Teil des Zuges nach ihr zu sehen, wo in diesem Moment nur noch wenige Menschen ausstiegen. Er fand sogar die zu diesem Zeitpunkt nicht besetzte Zugtoilette. Erst jetzt begann er allmählich zu resignieren, da ihm klar wurde, es sollte wohl nicht sein. Samuel ließ ein leises Seufzen erklingen, sah noch einmal auf seine Armbanduhr und beschloss, sein Hotel aufzusuchen. Es waren nur noch zwei Stunden bis zu seinem Termin, und so schön er auch die kurze Zeit mit Katja fand, er sollte wirklich noch einmal die Rede seines Kollegen studieren und sich auch emotional allmählich auf seinen Termin einstimmen.

Samuel wechselte seinen Koffer von der linken in die rechte Hand und zog sein Smartphone aus der Hosentasche. Ein kleiner Pfeil auf der digitalen Karte zeigte ihm die Richtung an, die er einschlagen musste. Schon nach wenigen Minuten hatte er sein Hotel erreicht und checkte ein.


Auf seinem Zimmer atmet Samuel einmal kurz durch, ehe er seinen Koffer auspackt. Viel hat er nicht dabei, bloß, was er für die Nacht braucht, sowie ein ordentliches Paar Schuhe und sein Kollarhemd, das Samuel ordentlich zusammengerollt hat, um sich erneutes Bügeln zu sparen.

Nachdem er sich ein letztes Mal der Rede seines Kollegen und seinen eigenen Notizen auf seinem Tablet gewidmet hat, fühlt er sich gut vorbereitet. Für einen Moment hat er dabei sogar Katja vergessen, und er kann gar nicht sagen, ob es besser so ist, oder ob ihm selbst die Erinnerung an sie fehlen wird. Noch eine Stunde, verrät ihm eine geblümte Porzellanuhr an der Wand. Samuel zieht sich rasch um, verlässt sein Zimmer und begibt sich in Richtung des Friedhofes. Den Weg dorthin kennt er; er ist heute nicht zum ersten Mal dort.


Bereits auf der Türschwelle hatten Anna und Simone, Katjas Cousinen, sie überfallen und beherzt in den Arm genommen. Nach so vielen Jahren war die Freude besonders groß, und Katja fühlte sich wieder wie ein Teenie. Minutenlang standen sie nur so da, drückten den anderen an sich, kicherten, berührten andächtig ihre Gesichter, und staunten darüber, wie sehr sich jede von ihnen doch verändert hatte. Ein schöner Moment, eigentlich. Doch irgendwann ließen sich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Die überwältigende Freude über ihr Wiedersehen konnte nicht ewig vergessen machen, warum heute die ganze Familie wieder zusammenfand.

Im Wohnzimmer begrüßte sie ihre Tante Susanne nicht weniger herzlich, doch ein Lächeln konnte sie ihrer Nichte beim besten Willen nicht erweisen. Ihren müden Augen und dem fahlen Gesicht der Mittfünfzigerin waren die vergangenen schlaflosen Nächte deutlich anzusehen.

Im Hintergrund, ganz unaufdringlich, saßen Katjas Eltern, die bereits zwei Tage zuvor angereist waren, in Gesellschaft von einigen weiteren Personen, deren Gesichter Katja nur teilweise etwas sagten. Sie gesellte sich lautlos zu ihnen.


In diesem schönen, hellen, großzügigen Haus, das für Katja nichts seines Charmes eingebüßt hat, fehlt am heutigen Tag nur eines: Onkel Oskar, der polternd die Treppe herunterkommt und Katja, seinen schmächtigen Stockkäfer, an der Hüfte fassend hochhebt, ganz gleich, wie alt sie schon geworden ist. Doch darauf wird sie bis nun ewig warten müssen.

Nach einem Kaffee, den die Runde in vollkommener Stille einnahm, begleitet Katja ihre Cousinen nach oben. Ihre einstigen Kinderzimmer, der große Spielraum und Tante Susannes Nähzimmer fungieren heute als Gästezimmer. Nur eine der Türen im oberen Stockwerk ist fest verschlossen, und Katja muss schwer schlucken, als sie an ihr vorübergeht. Es ist Oskars Arbeitszimmer.

Auf dem Bett eines Zimmers, das heute Katjas Schlafquartier werden soll, sitzen die drei Cousinen und erzählen sich allerhand Neues, um sich noch ein wenig zu zerstreuen, bevor er es gleich an der Zeit sein wird zu gehen.


Samuel begrüßt den gemeindeansässigen Küster Franz Lehmann mit einem Händedruck; dieser hatte ihn vor dem Nebengebäude des Friedhofs bereits erwartet.

»Schön, dass Sie es einrichten konnten! Es ist bereits alles vorbereitet. Treten Sie ruhig ein.«

»Danke«, sagt Samuel und kommt der Bitte nach. Der Raum ist für die Andacht geschmückt, wie es sich für einen solchen Anlass gehört. Der Küster empfiehlt sich mit einem stummen Nicken, einem Zeichen für Samuel, dass er ihm einen Moment für sich allein gibt.

Der Sarg des Verstorbenen ist unter dem bunten Glasmosaikfenster, das die Jungfrau Maria zeigt, aufgebahrt. Davor erstreckt sich ein wahres Meer an Blumen und Kränzen nebst Beileidsbekundungen und Abschiedsworten. Oskar Lauer, dessen rundes, freundliches Gesicht von einem lebensgroßen Porträt in den Raum blickt, war ein geliebter Mensch.

»So wie jeder Mensch, wenn er geht und die seinen zurücklässt«, flüstert Samuel.

Nichts auf der Welt ist so still und rein, und doch so endgültig wie dieser Moment, weiß Samuel, denn er hat ihn schon oft erlebt. Beinahe froh atmet er auf, als nach einer Weile die ersten Trauergäste vor der Türe zu hören sind. Er öffnet sie, lässt viel mehr Licht in den kleinen Saal als das Glasmosaik allein es konnte und beginnt, die Menschen mit Anteilnahme zu begrüßen.


Die kleine Trauergemeinde um Familie Lauer schreitet zu Fuß durch die Straßen, allen voran Susanne, die sich von Katjas Mama stützen lässt, daneben ihr Vater. Hinter ihnen geht Katja und hält je eine ihrer Cousinen an der Hand. Es fühlt sich fast an wie damals, als sie noch Kinder waren und gemeinsam zum Supermarkt oder in die Eisdiele gingen. Aber eben nur fast.

Katja hat sich ihr schwarzes Kleid vom Abiball übergezogen, das einzige Kleidungsstück, wie sie beim Packen feststellen musste, das ihr diesem Anlass angemessen erschien. Zum Glück passt es ihr noch. »Steht dir aber gut, Bohnenstange«, hätte Onkel Oskar neckisch gerufen, könnte er sie so sehen, denkt Katja.

Als sie den Friedhof erkennt, zieht sich ihr Magen schmerzhaft zusammen. Die Realität hat sie endgültig eingeholt, das alles geschieht wirklich. Ihr Onkel ist tot, und damit auch ein Stück ihrer Kindheit. Auch wenn sie sich für so viele Jahre aus den Augen verloren hatten, wird Katja bewusst, wie sehr Oskar ihr noch fehlen wird.

Der geebnete, schmale Weg auf dem Friedhof zwingt das Grüppchen, ihn einzeln zu betreten, und Katja spürt, wie ungern ihre Cousinen sie loslassen. Sie selbst folgt nun unsicher ihrer Mutter nach, weil sie sich völlig verloren fühlt. Unter ihren Schuhen knirscht der grobe Kies, ein Lichtschein, reflektiert von einem metallenen Kreuz auf dem Dach eines flachen Gebäudes, blendet sie für einen Moment. Dann erscheint vor Katja eine wahre Schar von Menschen.

In ihrer Mitte erblickt sie den Priester, unverkennbar an seiner weißen Binde im Hemdkragen und sonst gänzlich in schwarz. Er erscheint ihr recht jung für einen Priester, weitere Gedanken hat Katja jedoch nicht über ihn. Die Glocken der nahen Kirche bringen nicht nur Katja eine Sekunde lang aus der Ruhe; viele der Anwesenden recken erschrocken ihre Köpfe, ehe sie weitergehen.

Unwillkürlich bildet sich eine recht geordnete Reihe, die grüßend am Priester vorüberzieht, bevor sich ein jeder allmählich in den Andachtsraum begibt. Nachdem Katjas Mutter dem Priester die Hand gegeben hat und ihrer Schwägerin nachfolgt, ist nun Katja an der Reihe. Betreten streckt sie ihm ihre Hand entgegen, sieht ihn dabei aber kaum an. Als der Priester kein Wort zu ihr sagt und auch keinerlei Anstalten macht, ihre Hand loszulassen, wird Katja doch ein wenig nervös.

Als sie ihren Kopf hebt, muss sie zweimal hinsehen.

Der sieht ja aus wie … Das gibt’s doch nicht!

Katja ist fassungslos und hält den Atem an. Es ist Samuel! In seinem Gesicht erkennt sie, dass ihm das gleiche durch den Kopf gehen muss. Ihn wiederzusehen, hätte Katja im Leben nicht mehr erwartet, und schon gar nicht hier und heute!

Sag doch was, Katja … Doch ohne ein Wort gehen die beiden auseinander. Katja schließt sich ihrer Familie an, betritt den kleinen Raum und nimmt zwischen ihrer Mutter und einer ihrer Cousinen Platz. Als auch Samuel den Raum gefolgt von Küster Lehmann betritt und kurz darauf stimmungsvolle Orgelmusik einsetzt, entsteht eine Atmosphäre, die ihr unheimlich ist. Einzig Samuels Worte des Trostes halten Katja in diesem Wechselbad der Gefühle aufrecht. Gespannt hängt sie an seinen Lippen, als er allen Anwesenden die Stationen von Oskars Leben eröffnet und es damit ausführlich Revue passieren lässt.

Katja war nie bewusst gewesen, wie wenig sie eigentlich über ihren Onkel wusste, und dass ausgerechnet Samuel ihr all das offenbaren würde, findet sie anfangs verwirrend. Doch Samuels lebhafte Erzählungen erwecken bei ihr den Eindruck, als hätte er Oskar tatsächlich persönlich gekannt. Und seine angenehme Stimme und einfühlsame Art gibt Katja beinahe das Gefühl, als erzähle er es ihr allein.

Kaum ein Auge im Saal bleibt trocken, vereinzelt ist hier und da leises Schluchzen zu vernehmen, und allmählich bahnen sich auch über Katjas Wangen warme Tränen ihren Weg. Einzig Samuel bewahrt selbstverständlich Fassung und führt die Trauergemeinde souverän und respektvoll durch die Zeremonie.

Wieder ertönen die Kirchenglocken und alle Anwesenden erheben sich leise. Als der Sarg von Bediensteten des Friedhofs angehoben wird, fühlt sich Katja unmittelbar im Hier und Jetzt, und doch kommt ihr dieses Bild so unwirklich vor. Im Strom der Trauergäste folgt sie dem schwebenden Sarg wie in Trance bis zu seiner letzten Ruhestätte. Katja blickt um sich, kann ihr Mutter aber nirgends entdecken. Ihre Tante und Cousinen sind durch gut ein Dutzend schwarzer, für Katja namenloser Mäntel, von ihr abgeschnitten. Als letzten Ruhepol hält sie nach Samuel Ausschau, den sie schließlich vorausgehend erblicken kann. Und sie kann sich noch immer nicht erklären, warum er ihr ein solch beruhigendes Gefühl beschert, während sie in ihrem Inneren völlig aufgewühlt ist.

Am Ende von Samuels abschließender Trauerrede vor Onkel Oskars Grab, und nachdem sich jeder Einzelne von Oskar verabschiedet hat, beginnen die ersten Gäste den Friedhof still und heimlich zu verlassen. Katjas Tante Susanne bedankt sich bei Samuel für seine rührenden Worte, bevor sie sich Katjas Eltern zuwendet.

Katja fasst sich ein Herz, sie muss noch einmal mit Samuel sprechen, ehe er wieder aus ihrem Leben verschwindet! Nervös setzt sie einen Fuß vor den anderen, und auf halbem Wege bemerkt er ihre Annäherung – und lächelt, nur für eine Sekunde.

»Katharina«, sagt er leise und mit betretenem Unterton, »mein aufrichtiges Beileid. Ich hatte ja keine Ahnung, dass ich dich hier …«

»Ich auch nicht!«, fällt Katja ihm ins Wort und bemerkt zu spät, wie laut sie das gesagt hat, einige Personen drehen sich bereits zu ihr um. Davon unbeirrt spricht sie aufgeregt weiter. »Und du … du bist Priester?«

»Ja, wie du siehst«, sagt Samuel verlegen und kratzt sich am Hinterkopf.

»Da warst du aber nicht ganz ehrlich zu mir.«

»Du hast mich einfach nicht ausreden lassen! Und, ich möchte keineswegs taktlos sein, aber du hast mir auch nicht ganz die halbe Wahrheit erzählt.«

»Da hast du wohl recht«, murmelt Katja abwesend, »Entschuldige, ich wusste nicht, wie ich es sagen sollte, dass ich meinen Onkel ein allerletztes Mal besuche.«

Samuel legt ihr behutsam eine Hand auf die Schulter. »Ist schon in Ordnung.«

Katja zeigt jedoch wenig Regung über seine Geste und zuckt nur mit den Schultern. »So oder so, du hast dich ja aus dem Staub gemacht, bevor wir unsere Nummern austauschen konnten.«

Samuel macht große Augen und hält beschwichtigend beide Hände vor sich. »Augenblick, das stimmt so nicht. Ich habe nach dir gesucht, dich aber nirgends gefunden. Schließlich dachte ich, das mit der Toilette war nur eine Ausrede von dir, um schnell zu verschwinden.«

»Bestimmt nicht!«, entgegnet Katja, »Das hast du mir zugetraut?«

»Du mir doch auch«, sagt Samuel mild. »Also haben wir uns wohl einfach nur verpasst.«

Nun müssen beide über diese dämliche Situation milde lächeln, Katja unterdrückt ein Kichern.

Die Trauergäste haben inzwischen kleine Gruppen am Rande des Friedhofs gebildet. Leise Gesprächsfetzen dringen bis an Katjas Ohr.

»Und jetzt?«, sagt Samuel schließlich und sieht Katja hoffnungsvoll an.

»Was meinst du?«

Ihre Blicke treffen sich.

»Na, bekomme ich also deine Nummer noch?«

Katja muss wieder lächeln, diesmal übers ganze Gesicht. So, als hätte sie nur auf diese Frage gewartet. Doch sie bleibt skeptisch und mustert Samuel eindringlich. Meint er das wirklich ernst? Immerhin …

»Hör mal, du musst mich nicht aus purer Höflichkeit nach meiner Nummer fragen.«

Samuel sieht sie verdutzt an. »Warum sollte ich das bloß deshalb tun?«

Katja lässt ihren Blick über Samuels Anzug streifen und macht eine ausladende Handbewegung. »Schließlich bist du … Samuel, du bist doch Priester. Du musst mir nicht extra schmeicheln, auch wenn es vielleicht nett gemeint ist.«

Katja wendet sich bestürzt ab, um der Situation zu entfliehen, bevor sie es sich zu sehr zu Herzen nehmen würde. Samuel aber hält ihre Hand fest, sanft aber bestimmend.

»Dafür, dass es vorhin im Zug nur die halbe Wahrheit war, bin ich jetzt absolut umso ehrlicher. Ich hätte wirklich gern deine Telefonnummer, denn ich fand es schön, dich heute kennenzulernen.«

Mit großen Augen sieht Katja ihn an. Sie hat seine Worte verstanden, und doch fällt es ihr so unendlich schwer, Samuel Glauben zu schenken. »Aber, du bist doch …«

»Ja«, unterbricht sie Samuel, »du hast recht, ich bin Priester. Aber erstens legt beileibe nicht jeder von uns ein Zölibat ab. Und zweitens … möchte ich dich doch gern erstmal kennenlernen, Katharina.«

Die Art, wie Samuel sie bei ihrem vollen Namen nennt, gefällt Katja. Sehr sogar. Doch auch, was er gesagt hat, und vor allem wie er es sagte.


Natürlich haben Katja und Samuel an diesem Tag noch ihre Nummern getauscht. Sie waren sich darüber einig, dass in allem Traurigen auch ein Funken Hoffnung stecken kann, und Samuel konnte sie rasch davon überzeugen, dass Priester keineswegs ein ruhiges, langweiliges Leben führen.

Sie gingen vorerst getrennte Wege, jeder zurück in sein Leben. Doch folgte bald die erste und viele weitere Nachrichten. Bald telefonierten sie oft stundenlang, und es dauerte gar nicht lange bis zum ihren nächsten Wiedersehen. Lange Gespräche über Gott und die Welt bis spät in die Nacht, waren schnell ihr liebster gemeinsamer Zeitvertreib. Einzige Bedingung dabei war stets: nur noch die ganze Wahrheit!

Doch was wurde schließlich aus Katja und Samuel? Nun, das ist eine ganz andere Geschichte …

 

ENDE

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