Makulus

Niemand lebt ewig, auch nicht, wenn er zur magischen Zunft gehört. Lange schon hatte der alte Zaubermeister nach einem geeigneten Knaben gesucht, den er in die Lehre aufnehmen konnte. Doch nicht jedes Kind ist für eine Ausbildung geeignet, denn nur die wenigsten tragen einen magischen Funken in sich, der sie dazu bemächtigt, dieses edle Handwerk zu erlernen. Der alte Zaubermeister stand an seinem Fenster und blickte gedankenverloren durch den schmalen Wald hinüber zum Dorf. Dort hatte er niemanden gefunden, der einmal sein Werk weiterführen möge. Er gehörte der Zunft an, die Gutes wirken, und die für die Menschheit unerlässlich sind, um das Böse, sollte es je erwachen, einzudämmen. Doch sollte der Zaubermeister nicht bald einen Lehrling finden, spürte er, so würde es zu spät sein, denn er fühlte sich sehr alt. Er seufzte auf, und er erschrak fürchterlich, als es laut an seine Tür hämmerte. Als er öffnete, zeigte er sich ganz verblüfft, als ein junger Knabe vor ihm stand.

»Ihr seid der Zaubermeister Enduan«, sprach dieser.

»Ganz recht, mein Junge«, antwortete der alte Zaubermeister und fragte sich indes, wer sein Besucher war. Nicht viele Menschen verirrten sich zu ihm.

»Im Dorf erzählt man sich, Ihr seid auf der Suche nach einem Lehrling. Der will ich sein!«

Im alten Zaubermeister keimte eine leichte Hoffnung auf. Doch er beäugte den Jüngling sehr lange und äußerst skeptisch ehe er ihn mit einem Kopfnicken hereinbat.

»Man nennt mich Makulus, Meister.«, sprach der Jüngling.

»So, Makulus, sprich, verfügst du tatsächlich über einen magischen Funken?«

Stolz reckte der Junge seinen Hals, als versuche er, dadurch größer und machtvoll zu wirken.

»Oh ja, Meister, ich habe vor einiger Zeit eine erstaunliche Entdeckung gemacht!«

Noch war der alte Zaubermeister nicht überzeugt. Ohne magischen Funken würde es wenig Sinn machen, ihn in die Lehre aufzunehmen. So bat er Makulus, ihm vorzuführen, was er zu wirken imstande war. Makulus ging einige Schritte zurück, hob seine Hände und begann mit ihnen vor sich etwas zu formen, dabei starrte er verbissen, als bereite er sich auf etwas wie einen gigantischen Feuerball vor. Enduan, der alte Zaubermeister wich unbewusst einen halben Schritt zurück und wusste nicht, was ihn gleich erwartete. Makulus ließ ein leises Stöhnen vernehmen als es soweit war, und Enduan wollte seinen Augen nicht trauen: Von seiner rechten Handfläche rann ein Dutzend kleiner Wassertropfen hinab, die Makulus mit seiner linken Hand auffing. Der alte Zaubermeister blinzelte ungläubig und musterte den keuchenden und leicht schwitzenden Makulus streng. »Soll es das gewesen sein?«, herrschte er den Jungen an.

»Ist … ist sicher noch ausbaufähig …«, sprach dieser und wischte sich die nassen Hände an den Hosenbeinen ab. Die Miene des alten Zaubermeisters blieb hart. Ein solcher Versuch, ihn zu täuschen, war ihm noch nicht untergekommen. Die meisten Anwärter gaben gemeinhin offen zu, keinen magischen Funken in sich zu tragen, und wurden alsbald fortgeschickt. Doch dieser Strolch hier … »Verlass mein Heim«, sprach der alte Zaubermeister resigniert. Er hatte nicht die Kraft wütend zu sein und lieferte als schwache Erklärung nach: »Deine Fähigkeit ist nicht ausreichend, nun geh.«

Makulus hatte verstanden und wandte sich zum Gehen. Enduan spürte eine tiefe Betroffenheit, als der Jüngling die Tür von außen schloss und mit ihm sämtliche Hoffnung auf einen Schüler schwand. Durch das Fenster sah er ihm nach und hing schweren Gedanken nach. Wer sollte Enduans Erbe antreten, sein Labor führen, die Rezepturen bereiten? Dem alten Zaubermeister kam eine Idee. Er stürzte zur Tür, riss sie auf und rief laut Makulus‘ Namen.

Der alte Zaubermeister war schon am selben Abend völlig überzeugt von seiner Entscheidung, Makulus als Lehrling angenommen zu haben. Magischer Funken hin oder her, dachte er, verboten hatte die Magierzunft noch nie, dass Nichtmagischen eine Ausbildung zuteilwurden. Wie sinnvoll sich das gestaltete, sollte die Zeit zeigen. Doch die lief Enduan schließlich davon.

Und so begab es sich, dass Makulus an jedem Morgen pünktlich erschien und sich vom alten Zaubermeister in die Geheimnisse der Magie einweisen ließ. Zunächst durfte Makulus wahrlich nur die Wohnstube, das Labor und die Bibliothek in Ordnung halten und reinigen, er erledigte Botengänge für Enduan  oder hörte ihm einfach nur zu, wenn er aus seinem Leben als Zauberer erzählte. Enduan mochte kaum zugeben, wie sehr er es genoss, nicht mehr allein zu sein, und Makulus war ein aufmerksamer, gelehriger Schüler, wenngleich ihm der magische Funken abging. So dauerte es nicht lange, bis der alte Zaubermeister Makulus allmählich in der Kunst einwies, Tränke zu brauen, und der Jüngling stellte sich wahrlich nicht dumm dabei an. Auf sein Bitten und Drängen, auch die geistige und haptische Magie zu erlernen musste Enduan jedoch immer wieder mit Ausflüchten reagieren – welchen Sinn hätte das schon gehabt?

Eines Tages brachte Makulus einen Brief zu Enduan, der vertieft in ein staubiges Buch an seinem Schreibtisch saß. Als der alte Zaubermeister den Inhalt las, schüttelte er vehement den Kopf. »Oh, oh, das ist nicht gut, gar nicht gut«, murmelte er, und Makulus stellte aufgeregt allerhand Fragen, bis Enduan ihm den Sachverhalt erklärte. Der Rat der Zauberer hatte eine Aktivität entdeckt, die von bösen Mächten zeugen musste. Und Enduan, als ältestes Mitglied der Zunft, war nun aufgefordert, diese Präsenz auszumerzen, bevor sie wachsen und sich gegen die Welt erheben konnte. »Böse Mächte?«, rief Makulus erregt und bestand sofort darauf, den alten Zaubermeister begleiten zu dürfen. Allzu lange konnte Enduan sich nicht gegen alles Bitten und Betteln wehren und gestattete Makulus schließlich, ihm beizustehen, doch nur, solange er sich im Hintergrund halten würde, da seine Ausbildung gerade erst begonnen hatte.

Am folgenden Tage brachen sie sehr früh zu ihrem Ziel auf, einer Höhle am anderen Ende des Waldes, in der das Böse weilen sollte. Schon während der letzten Schritte spürte Enduan, dass sie hier richtig waren. Und am Eingang der Höhle konnten sie das Ungetüm auch schon entdecken. Sieben große, schwebende Steine bildeten zusammen einen Körper, der sich wie von Geisterhand bewegte. Der alte Zaubermeister sah respektvoll auf, doch rasch kam ihm ein Einfall, wie er dem Ungetüm Herr werden konnte. Er streckte seine Hände aus und schmetterte einen Zauberspruch darauf, der den Stein mit großer Hitze schmelzen sollte. Doch damit hatte er die magische Präsenz unterschätzt: Die böse Macht absorbierte die Magie des alten Zaubermeisters und verwandelte sich in ein fürchterliches Wesen aus flüssiger Lava! Enduan schreckte zurück, stolperte und fiel zu Boden. Unmittelbar sah er ein, dass er nicht Herr der Lage war und wandte sich an Makulus, der sich die ganze Zeit leicht abseits gehalten hatte. »Flieh! Lauf so schnell du kannst und berichte dem Rat, was du hier gesehen hast!«

Doch Makulus machte keinerlei Anstalten, den alten Zaubermeister seinem Schicksal zu überlassen. Er preschte nach vorn und hielt beide Hände ausgestreckt. Enduan sah ungläubig zu ihm auf. Makulus musste von Sinnen sein! Er konnte doch nicht … nun, womöglich konnte er doch! Sein Blick wurde abwesend und zornig, sein Haar flog wild durcheinander und seine Hände hielt er, schon klatschnass, vor sich. Plötzlich ergoss sich eine wahre Fontäne aus den Handflächen des Zauberlehrlings in Richtung der bösen Macht. Der alte Zaubermeister starrte auf das seltsame Bild, das sich ihm bot: Makulus schrie, während seine Hände diesen gewaltigen Schwall Wasser auf das Ungetüm entlud. Es musste bald ein ganzer See gewesen sein, den seine Hände gewirkt hatten! Die Monstrosität bebte vor Qualen, es toste und dampfte und plötzlich fielen die leblosen und kalten Steine zu Boden und alles ward still.

So geschah es, dass der alte Zaubermeister erkennen musste, wie sehr er sich in Makulus geirrt hatte. Er begann noch am gleichen Tag eine umfassende Ausbildung aller magischen Bereiche, um den magischen Funken, der Makulus innewohnte, bestmöglich zu fördern. Das Gefühl von einst, einen wissbegierigen Schüler aufgenommen zu haben, war einer neuen Intention gewichen: Enduan hatte seinen mehr als würdigen Nachfolger gefunden.

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