Hinsterbender

Hinsterbender

Seit Tagen schon hat er das Sonnenlicht nicht gesehen. Er saß regungslos auf seinem harten Stuhl und blickte an die Wand, wo die Farbe bereits fast vollständig abgeblättert war. Heinrich konnte, nein, er wollte es einfach nicht begreifen, dass er seine Leonore nicht wiedersehen sollte.

Der Krieg war zu Ende, die Kapitulation unterzeichnet. Heinrich war heim gekehrt. Doch er kam nicht nach Hause zurück, nein, ihn erwartete erst hier die Hölle.

Seine geliebte Frau war bei seiner Heimkehr sehr krank gewesen. Die Feldpost hatte lange nicht dienen können, er war darüber im Ungewissen. Das Kind, das sie in ihrem Leib trug, als er fort ging, das Kind, das er schon liebte, bevor es das Licht der Welt erblickte, das Kind, das ihm die Kraft verlieh, alle Strapazen zu überstehen, zu überleben und zurückzukehren, dieses Kind war nicht hier. Nie war es hier, seine Leonore hatte es verloren, es war tot.

Und seine liebe Frau folgte dem Kind bereits am Tag seiner Rückkehr. Kaum hatte er sie im Arm gehalten, einen flüchtigen Kuss ausgetauscht, da spürte er, wie schwach sie war. Sie brach zusammen und niemand konnte sie mehr retten, sie starb unmittelbar. Er hatte sie zurückbekommen und gleichzeitig für immer verloren. Als er sich an der Front einst wünschte, seine geliebte Leonore nur noch einmal im Arm halten zu dürfen, so hatte er sich dies gewiss anders vorgestellt. Nachdem er vor Wut die halbe Einrichtung ihrer Behausung zertrümmert hatte, verfluchte er den Teufel, er möge ihm bei diesem Wunsch einen Streich gespielt haben.

Er trug sie zu Grabe, man hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, heraus zu finden, was ihr fehlte. Menschen starben nun einmal, das war der Lauf der Dinge, vielen reichte dies zur Begründung. Nur Heinrich genügte das nicht.

Er schlief nicht, aß nicht, noch verließ er das Haus. Tag und Nacht saß er nur auf dem Stuhl, den Blick zur Wand gerichtet, hier wo eigentlich ihre Familienfotos zu sehen sein müssten. Stattdessen war dort nichts. Die Wand war so leer wie es Heinrichs Leben nun war.

In der Hand aber hielt er seinen Füllfederhalter, die Spitze war inzwischen ausgetrocknet. So leer sich Heinrich auch fühlte, sein Herz war es nicht. Es war voller Liebe, voll der Liebe zu seiner Leonore und zu seinem Kind. Er hatte seinen Lebensmut verloren, aber sein Leben war noch nicht zu Ende. Er sah nur noch einen Sinn, eine letzte Aufgabe, er spürte, dass er es ihnen schuldig war. Zudem wusste er, dass er nicht vorher damit abschließen könne und nicht vorher gehen könne.

Er riss die schweren Vorhänge von den Fenstern und ließ das Licht den Raum erhellen. Nun tauchte er die Feder in das Tintenfass und begann, mit zittrigen Händen Worte auf das Papier zu bringen. Zweifelhaft, ob jemand es später leicht entziffern mag, aber diesen Dienst musste er verrichten und wenn es das letzte sei, das er noch beginnen sollte.

Die ganze Nacht hindurch schrieb er, und als das Lampenöl aufgebraucht war, kritzelte er im Dunkeln weiter. Kurz darauf brach der Morgen an und neues Licht durchflutete den kleinen Raum. Er schrieb alles auf, das ihm über seine Leonore einfiel, über ihre Ehe und ihre gemeinsame Liebe. Zeitweise fiel es ihm schwer, sich zu beherrschen und er musste sich mit Wein betäuben und beflügeln, um weitermachen zu können. So ging es einige Tage, und Seite um Seite füllte sich. Heinrichs Körper hingegen wurde immer schwächer und leerer.

Als eine Dienstmagd nach ihm sah, erschrak sie ob seines Anblickes. Ihr Bitten und Flehen ließen ihn nicht erweichen, er wollte keine Hilfe, er wollte in Ruhe gelassen werden. Eine leere Weinflasche warf er ihr nach, bis sie endlich ging. Endlich fand er wieder die Ruhe, um weiter zu schreiben. Die Zeit als Soldat schrieb er sich ebenso von der Seele, all die Sehnsüchte, die ihn befielen, schwächten und doch am Leben hielten. Die Liebe zu seinem ungeborenen Kind, die heute mehr denn je unsterblich aber unerwidert bleibt.

Noch einmal erkundigte sich die Magd nach seinem Befinden, aber auch diesmal konnte sie ihn nicht dazu bewegen, etwas zu essen oder das Haus zu verlassen. Seinem Wunsche wurde aber Folge geleistet und er indes versorgt mit Lampenöl, schwarzer Tinte, Wein und Schnaps.

Letztere beiden, seine Lebenselixiere hauchten ihm neue Kraft ein und mit frischer Tinte erweckte er neue Kapitel ins Leben. Er erdachte sich eine Zukunft, die nie sein würde. Ein langes Leben bis in den Tod, gemeinsam mit seiner Leonore. Nebenbei trank und trank er. Keinen Bissen hatte er über eine Woche zu sich genommen. Sein Körper war schwach, aber das wollte er nicht wahrhaben, er nahm keine Notiz davon. Zu beschäftigt war er damit, sich seine Seele rein zu schreiben.

Die Nächte wurden länger durch die kleine Lampe erhellt und nichts hielt ihn davon ab, weiter zu machen, es zu Ende zu bringen. Noch einmal erzählte er, wie tief die Liebe zu seiner Leonore sei. Wie sie sich kennenlernten. Dass er keine Wahl hatte, sich in sie zu verlieben und ihr die ewige Liebe zu schwören. Er hat sein Schicksal in ihr erkannt und sich diesem Leben ergeben. Nichts hätte die beiden trennen können. Außer der Tod.

Sein Gesicht wurde voll mit Tränen, er konnte das Blatt, das er gerade beschrieb, nicht erkennen. Erneut überkam ihn der Schmerz über den Verlust seiner geliebten Frau. Leonore, seiner Königin, Seelenverwandten. Sein ganzes Leben. Er konnte es nicht ertragen und betäubte seine Gefühle mit Schnaps.

Immer schwächer und schwächer wurde er, seine Haut war bereits aschfahl, seine Augen gerötet, sie schmerzten schon nicht mehr, er spürte sie gar nicht. Kaum auf dem Stuhl halten konnte er sich. Er öffnete eine weitere Flasche Wein, und nur mit Mühe gelang ihm dies. Das Glas hatte er seit Tagen nicht benutzt, es lag am Rande des Tisches unter ständiger Bedrohung, herab zu fallen. Heinrich leerte die Flasche fast zur Hälfte in einem Zug und fühlte nur schwach die Lebensgeister wieder in sich. Die Augen brannten vor Röte, die Fingerspitzen kribbelten. Er atmete ächzend tief aus.

Erneut ein wenig Kraft geschöpft, gerade genug, um den Füllfederhalter mit den Fingern umklammern zu können, ließ er auf einem weiteren Blatt Papier ihre gemeinsame Hochzeit Revue passieren. Wenige Monate vor dem Ausbruch des Krieges, seinem Einzug in eine ungewisse Zukunft, verlebten sie einen unvergesslichen Tag und eine noch schönere Nacht. Ob Leonore, dort oben im Himmel, auch manchmal daran zurückdachte? Erneut wurde ihm gewiss, dass seine Frau tot war, und sie würde nicht zurückkehren. Sie lag unter der Erde und…

Er warf die Flasche mit voller Wucht gegen das Fenster. Die Jalousien davor barsten, die Glasscheibe knackte und erhielt einige Risse. Er hatte sich nicht mehr unter Kontrolle. Zu tief waren die Wunden, die ihr Tod in sein Herz schnitt. Er blutete förmlich aus, und nun konnte er sich nicht länger auf dem Stuhl halten, er brach zusammen und fiel auf den kargen Fußboden.

Wachte er oder träumte er? Beim gemeinsamen Hochzeitstanz vergaß er für einen Moment, was geschehen war. Er führte seine Leonore über das Parkett, mit Schritten, die ihm, einem elenden Tanzmuffel, nur zwei Tage zuvor sein Bruder beigebracht hatte. Gemerkt hatte es niemand, und er machte seiner geliebten Frau eine unendliche Freude damit. Um sie herum Familie und Freunde, klatschten, lachten, jubelten, freuten sich für sie. Doch mit einem Mal wurde alles dunkel. Sie verschwanden, einer nach dem anderen. Zuletzt wurden die Umrisse um Leonore blasser. Er hielt noch ihre Hände, aber sie fühlten sich immer weicher an, wie Wolken, als würden sie langsam verschwinden. Leonores Augen schlossen sich, ihre Haut wurde grau, bis sie endlich auch verschwand.

Beim Erwachen auf dem harten Boden schmerzten seine Rippen. Oder war es bereits Leber oder Niere oder andere Organe, die nach Tagen der Vernachlässigung ihren Dienst quittieren wollten? Mühsam zog er sich am Stuhl nach oben, doch der kippte sogleich um. Er hustete und atmete schwer, und jeder Zug schmerzte. Ihm war bewusst, dass auch er sterben würde, und das machte ihm nichts aus. Er könnte hier auf dem Boden liegen und einfach die Augen schließen und warten, aber noch hatte er sein Werk nicht beendet. Er konnte nicht gehen, noch nicht. Erneut raffte er sich auf, hob die rechte Hand flehend nach der Schreibtischkante und zog sich mit aller Kraft nach oben. Diesmal gelang es ihm, mit beiden Händen stemmte er sich herauf und presste sich zuletzt mit beiden Knien wieder in den Stand.

Er schleppte sich zur anderen Seite des Zimmers, wo die Dienstmagd die letzten Waren abgestellt hatte. Er steckte sich ein Stück tagealten Brotes in den Mund und versuchte, ein wenig zu kauen. Er nahm die Flasche Rum an sich und schlurfte zurück zum Tisch. Ein bekritzelter Stapel Papier und ein tropfender Füllfederhalter warteten auf seinen hingebungsvollen Dienst. Er stellte den Stuhl wieder aufrecht, setzte sich darauf und betrachtete sein Werk. Was würde damit passieren? Ein Kretin würde nichts darin sehen als Altpapier. Aber er vertraute seiner Magd. Sie würde sich darum kümmern, würde es seinem Bruder geben, dieser würde es nicht verkümmern und in Vergessenheit treten lassen.

Erneut nahm er den Stift zwischen die Finger und begann zitternd die letzten Abschnitte seiner Hinterlassenschaft. Leonore und er hatten oft davon gesprochen, wie ihre Zukunft aussehen sollte. Was sie vom Leben erwarteten und wie sie wohnen möchten. Ein großes Haus sollte er ihr und ihren Kindern bauen. Fünf an der Zahl wollten sie bekommen, fünf, vielleicht auch sechs. Viele Länder wollten sie noch bereisen, in Europa, vielleicht auch Amerika. Ihre Augen funkelten immer, wenn sie davon sprachen.

Tag und Nacht schrieb er wieder, ohne Unterlass. Sein Mund wurde irgendwann trocken, der Rum war leer. Es war nichts mehr im Haus. Seine Augen, blutrot, seine Finger waren blau und taub vom Schreiben, und doch hörte er nicht auf. Nicht, bevor nicht das letzte Wort geschrieben war.

Sein Atem wurde immer schwerer und schwerer, und auch die Augen wollten nicht mehr recht offen bleiben. Nur mit größter Mühe, gelang es ihm, weiter zu machen. Kraftlos knallte sein Kopf auf die Tischplatte, doch er drehte ihn nur zur Seite und schrieb einfach weiter.

Er beschrieb einen prachtvollen Garten, den sie sich im Alter vor ihrem Haus angelegt hätten. Rosen. Ein Meer von Rosen für seine Leonore, weil sie Rosen so liebte. Alle nur erdenklichen Sorten hätte er ihr angepflanzt, und sie hätten nichts weiter zu tun, als sie zu pflegen und von ihrer Terrasse auf sie zu schauen. Hand in Hand, bis zu ihrem letzten Tag.

Die letzten Worte kratzten sich fast trocken in das Papier, nur schwach leserlich. Die Tinte war verbraucht. Seine Augen schlossen sich, er atmete leise ein und aus. Dieser Gedanke freute ihn so sehr, dass er ihn sich bildlich vorstellen konnte. Seine Leonore, inmitten ihrer vielen Rosen. Lächelnd, und mit langem, ergrauten Haar. Sein Schmerz war vergessen und seine Mundwinkel zogen sich unweigerlich nach oben. Sein Atem stockte. Seine Augen öffneten sich nicht mehr. Sein Herz schlug langsamer und blieb irgendwann stehen. Kein Tropfen Blutes regte sich mehr in seinen Adern. Das letzte, das er sah, waren seine Arme, die sich um seine Leonore und ihren Sohn legten. Sie waren glücklich. Und nun war auch er wieder glücklich.

 

(c) Daniel Möller, 2015

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