Ein magischer Abend

Samuel stellt seine Espressotasse auf der Untertasse ab. Der letzte Schluck zergeht ihm gerade auf der Zunge, und der leicht bittere Geschmack bereitet ihm eine angenehme Gänsehaut. Als er die Augen aufschlägt und sich die ersten Sonnenstrahlen des Morgens über die angrenzenden, schneebedeckten Hausdächer durch sein Küchenfenster auf sein Gesicht legen, fühlt er sich startklar für diesen Tag, an dem er einiges vorhat. Für die wenige Zeit bis zum Weihnachtsfest wird noch einiges an Vorbereitung nötig sein, und doch ist Samuel sehr zuversichtlich, dass alles pünktlich erledigt sein wird. In wenigen Tagen schon ist Heiligabend, aber da er dieses Jahr nicht seine Familie besuchen kann, wird er sich dafür in seiner Gemeinde voll und ganz einbringen können. Außerdem kann Samuel auch auf viele helfende Hände im Ort zählen.

»Gebt, so wird euch gegeben. Ein voll, gedrückt, gerüttelt und überfließend Maß wird man in euren Schoß geben«, sagt Samuel stolz auf. Lukas 6, 38. Er muss schmunzeln ob dieses Verses, sollte es doch selbstverständlich sein, dass jeder hin und wieder anpackt, ohne dass man ihn lang zu bitten hat. Er, Samuel, ist schon immer so gewesen. Seine Eltern haben ihn zu einem hilfsbereiten Mann erzogen, und er empfindet es nicht allein deswegen als immerwährende Pflicht, seinen Mitmenschen zu dienen. Es macht ihn einfach glücklich, sich einzubringen, wo er nur kann. Und er kann sich glücklich schätzen, ein ebenso hilfsbereites Umfeld sein Eigen zu nennen.

Mit diesen überaus angenehmen Gedanken streift er seinen Mantel über, löscht das Licht im Flur und tritt hinaus ins Treppenhaus und auf die lichterfüllte Straße. Sein Atem ist sichtbar, ein kühler Wind schlägt Samuel ins Gesicht, sodass er den Mantelkragen hochklappt. An und für sich liebt er die kalte Jahreszeit, doch etwas wärmer dürfte es schon noch sein. Einzig die Sonne am Firmament lässt ihn hoffen, dass er auf seinem Weg nicht zu sehr frieren mag.

Als er das Gemeindebüro auf der Rückseite der Kirche betritt, begegnet Samuel bereits auf der Schwelle seiner Küsterin. »Frau Bennert, guten Morgen.«

»Einen schönen guten Morgen, Herr Pfarrer. Haben Sie gut geschlafen?«

»Ja, vielen Dank, Sie hoffentlich auch. Wir haben heute viel vor. Ich werde mich gleich an die Einkaufsliste setzen, dann können wir uns bald zum Markt aufmachen.«

Darauf freut Samuel sich immer besonders. Einen Weihnachtsbaum, die Dekoration für die Abendmesse und kleine Geschenke für die Kinder auszusuchen, ist für ihn schon immer die schönste aller Aufgaben.

»Gern, Herr Pfarrer. Ich mache uns aber erst mal einen schönen Kaffee. Der kann heute wirklich nicht schaden.«

Samuel nickt ihr dankbar zu und betritt erwartungsvoll sein kleines Büro. Doch bevor er mit seiner eigentlichen Aufgabe beginnen kann, entdeckt er auf seinem Schreibtisch ein kleines Kuvert. Einen Brief, auf dessen Umschlag sein Name steht. Nichts weiter außer Samuel, keine Adresse und auch keine Briefmarke. Ein Absender schon gar nicht.

»Frau Bennert? Sie sagten gar nicht, dass Post gekommen ist«, ruft er durch die offene Tür.

Die Küsterin, die ihn in der Teeküche wohl nicht recht verstehen kann, antwortet unsicher: »Haben Sie nach mir gerufen?«

»Ach, nicht so wichtig«, sagt Samuel und öffnet den Umschlag kurzerhand.

Darin steckt ein zartes Papierchen. Es besitzt einen goldenen Schimmer, und die geschwungenen Lettern, die darauf geschrieben oder gedruckt sind, kommen Samuel seltsam vor. Ihm unbekannte Zeichen, die ihn an Runen erinnern und jedes einzelne für sich wunderschön anmutet. Doch was ist das? Jedes Mal, wenn er das Blatt in der Hand dreht und wendet, scheinen sich die Symbole zu verändern! »Was ist das nur?«, murmelt Samuel verwirrt und will zumindest versuchen zu entziffern, was dort geschrieben steht.

Er sieht sich das erste Schriftzeichen ganz genau an. Es ähnelt einer linksdrehenden Spirale, doch je genauer er es hinsieht, umso deutlicher wird, dass kleine Ästchen darin wuchern, und plötzlich kann Samuel seinen eigenen Namen erkennen. »Lieber Samuel …«, steht dort! Doch nachdem er geblinzelt hat, ist wieder nur das schneckenförmige Symbol zu sehen.

Samuel setzt sich und schaltet eine große Leuchte an. Im Schein der Lampe erstrahlt das Papier noch viel heller und ein Flimmern geht von ihm aus, als würde das Gold des Papiers darüber hinweg wehen. Unbeachtet dessen besieht Samuel weiter die unterschiedlichen Schriftzeichen. Ist in ihnen gar noch mehr zu entdecken? Er dreht das Blatt, da er nicht sicher ist, ob er es bisher richtig herum gehalten hat. Liest man diese Schrift überhaupt von links nach rechts, oder gar von oben nach unten, oder vielmehr rückwärts? Samuel konzentriert sich auf eines der nächsten Symbole, in dem er ebenfalls mehr zu erkennen glaubt, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Es ist eine Art Raute, in dessen Inneren sich ein Fenster zu öffnen scheint. Samuel traut seinen Augen nicht! Wacht er, oder träumt er vielleicht noch? Es ist ihm, als blicke er durch dieses winzige Fenster in eine fremde Welt, hell, bunt und atemberaubend schön. Die Wesen darin scheinen ihm wohlwollend zu sein, werfen mit Staunen ihre Blicke auf ihn und lächeln ihm freundlich zu. Die Buchstaben, denn das sind die Zeichen auf dem Blatte ja wohl, schimmern und bewegen sich. Samuel kann sie noch immer nicht entziffern, doch mit einem Mal muss er das auch nicht, denn eine sanfte Stimme spricht zu ihm und sagt ihm all das, was er hören will, und nicht weniger, als er wissen muss:

Ein bedeutender Tag stehe bevor, und er, Samuel, wisse, welche Bedeutung dieser Tag hat.

Niemand auf der Welt, schon gar nicht jemand mit einem gütigen Herz, wie er eines besitzt, soll am Heiligen Abend allein sein. Ihm wird eine besondere Ehre zuteilwerden, und mit ihm noch anderen, besonderen Wesen.

Wann dieses Fest stattfindet und an welchem Ort, das wird er wissen, wenn es soweit ist.

 

Als die Stimme verklungen ist, hört auch das Papier plötzlich auf zu schimmern und Samuel legt es bedächtig vor sich. In dem Moment betritt auch Frau Bennert sein kleines Büro. »So, Ihr Kaffee, Herr Pfarrer«, sagt sie freundlich und stellt die Tasse am Rand des Schreibtischs ab. Dann mischt sich ehrliche Besorgnis in ihr sanftes Gesicht. »Ist alles in Ordnung? Sie sind ja ganz blass!«

»Ja, ja«, haucht Samuel wie benommen ehe er sie direkt ansieht, »Sagen Sie, wer hat denn den Brief abgegeben?«

»Welchen Brief meinen Sie?«

»Na diesen … hier«, antwortet er und zeigt auf die Stelle vor sich, wo der Brief gerade noch gelegen hat. Entgeistert schiebt er andere Unterlagen umher und sieht unter ihnen nach.

»Er muss … herunter … gefallen sein«, stammelt er, während er unter dem Tisch danach sucht.

Frau Bennert krümmt sich wie ein Fragezeichen, um zu sehen, was er da unten treibt. »Und es geht Ihnen wirklich gut?«

Kurz darauf erhebt Samuel sich und nimmt wieder Haltung an; gefasst setzt er sich auf seinen Stuhl und macht ein eher gleichgültiges Gesicht. »Aber ja«, sagt er und winkt resolut ab, »ich habe nur etwas verwechselt. Ich kümmere mich jetzt um die Liste und bin gleich bei Ihnen, ja?«

»Wie Sie meinen«, sagt Frau Bennert skeptisch dreinblickend, bevor sie das Büro wieder verlässt.

Geschwind verfasst Samuel einen Einkaufszettel. Doch währenddessen sieht er immer wieder nach dem Briefchen, auf dem Schreibtisch, am Boden, sogar auf seinem Stuhl und in seinen Manteltaschen. Er bleibt verschwunden. Weder das goldene Blatt noch der Umschlag tauchen wieder auf.

Hat Samuel sich das ganze nur eingebildet? Was er gesehen und auch alles, was er gehört hat?

Nein, denkt Samuel entschieden. Er weiß, was ihm widerfahren ist, und daran gibt es für ihn keinen Zweifel. Es wäre ohnehin nicht das erste Wunder, von dem er Zeuge wird. Wenn der Herr eine so wundervolle, facettenreiche Welt erschaffen konnte, so gibt es mit Sicherheit noch vieles, dass der Mensch nicht erahnen kann.

Für Samuel steht fest: etwas Großartiges steht bevor, und ausgerechnet er darf ein Teil dessen sein. Womit er diese Ehre verdient haben soll, kann er sich zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen, doch gerade diese Bescheidenheit ist es wohl, die seinem Ruf in dieser und vielleicht auch fernen Welten alle Ehre macht.

Frohen Mutes reißt er den halbfertigen Einkaufszettel vom Block und ruft: »Frau Bennert! Lassen Sie uns aufbrechen. Bis Heiligabend gibt es noch viel zu tun.«

 

Wie jedes Jahr ist die Andacht sehr schön und gut besucht gewesen. In den Augen jedes Einzelnen konnte Samuel Liebe und die Freude auf diesen besonderen Abend erkennen. Am meisten natürlich in den Augen der anwesenden Kinder. Jedem einzelnen hat er persönlich ein kleines Geschenk in die Hand gedrückt, das lässt er sich Jahr für Jahr keinesfalls nehmen.

Als die Glocken buchstäblich das Ende des Gottesdienstes einläuten und die Mitglieder seiner Gemeinde nach und nach die Kirche verlassen, ist es draußen bereits dunkel geworden. Auch Samuel macht sich bereit zu gehen, denn er hat schließlich noch etwas vor.

Seither hat Samuel keine weitere Nachricht, in welcher Form auch immer erhalten. Nur die Worte, die ihm in diesem geheimnisvollen Brief zugetragen wurden, spulte er wieder und wieder in seinem Kopf ab. Der Brief ist keineswegs wiederaufgetaucht, und Samuel hat sein kleines Büro auf der Suche danach mehr als einmal auf den Kopf gestellt Kurz bevor er geglaubt hat, wahnsinnig zu werden, besann er sich doch eines Besseren und wurde sich in aller Ruhe im Klaren darüber, dass er es sich bestimm nicht eingebildet hat.

Mit einem Lächeln steht Samuel nun an der Pforte, verabschiedet die letzten Menschen und wünscht ihnen schöne Festtage, bevor auch er sich langsam auf den Weg macht. Wohin? Das weiß er selbst nicht. Doch er vertraut noch immer fest darauf, dass er es rechtzeitig erfahren würde, ganz so, wie es ihm im Brief mitgeteilt wurde. Etwas aufgeregt, aber voller Vorfreude, setzt er einfach einen Fuß vor den anderen und geht die Straße entlang.

Schon an der ersten Kreuzung aber kommen ihm Zweifel. Muss er nun abbiegen? Nein, wozu auch? Er hat kein Zeichen erhalten, also geht es wohl weiter geradeaus.

Samuel bekommt schon den ganzen Tag lang sein Lächeln nicht aus dem Gesicht. Dennoch kann er gewisse Gedanken nicht gänzlich von sich schieben. Woher nimmt er eigentlich diese Zuversicht? Ein besonderes Weihnachtsfest warte auf ihn, aber Samuel weiß nicht, wer ihn eingeladen hat oder was genau ihn dort erwartet. Nicht einmal, wo es stattfindet, ist ihm zu diesem Zeitpunkt bekannt. Wer wird außerdem dort sein? Fragen über Fragen, nur Antworten hat Samuel so gut wie keine.

Über seine Gedanken hinweg hat er bereits einiges an Weg zurückgelegt. Er befindet sich auf einer langgezogenen Allee und wandelt unter hohen Bäumen mit kahlen, knorrigen Ästen, die im Schein der Straßenlaternen spillerige Schatten werfen. Sein eigener tanzt vor ihm her, wird viele Meter groß und schrumpft dann unentwegt, bis er ihm kurz darauf nachfolgt. Als Samuel die nächste Laterne passiert, beginnt dieses Spiel von vorn. Die Straße, die Bäume, alles verschwimmt vor seinen Augen wie im Nebel. Doch er kann nicht anders als unbeirrt seinen Weg fortzusetzen.

»Wo bin ich hier nur?«, fragt sich Samuel plötzlich. Mit einem Mal kommt ihm die Gegend alles andere als bekannt vor. Er bleibt stehen und blickt über beide Schultern, bis er sich sicher ist, hier noch nie gewesen zu sein. Hier und da ragen Häuser aus dem Boden, doch erscheinen viele unbewohnt, da sie an diesem heutigen, besonderen Abend nicht erhellt sind.

Soll Samuel nun noch weitergehen? Zum ersten Mal überkommt ihn ein mulmiges Gefühl. Hat er sich vielleicht in diese fixe Idee verrannt, und war es doch zu verwegen gewesen, blind auf etwas zu vertrauen, dessen Existenz selbst er anzweifeln muss? Samuel muss sich eingestehen, dass gerade er, vermutlich aufgrund seiner Berufung, sehr empfänglich für diese Art der Magie gewesen ist. Ist er womöglich deswegen kontaktiert worden?

Da ist es wieder, dieses Lächeln auf seinen Lippen. Noch will und kann er die Hoffnung nicht aufgeben. Und wenn es den ganzen Abend dauern soll, Samuel will herausfinden, ob er seinem Gefühl vertrauen darf. Fragt sich bloß noch, welchen Weg er von diesem Punkt aus einschlagen soll.

»Und wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo …« Samuels Blick schweift in die Ferne. Dann muss er lachen und murmelt weiter: »… ein Lichtlein …«

Ein gutes Stück vor ihm ist ein Haus zu erkennen, welches in winzigen bunten Farben leuchtet. Das einzige in dieser Gegend, das überhaupt erhellt ist. Samuel hat seine Richtung gefunden.

Die Vorfreude in ihm wächst und steigt wieder stetig. Ins Unermessliche gar, je näher er dem einsamen Haus in der Ferne kommt. Die bunten Lichter ziehen sich um das Haus wie ein feines Netz und hüllen es in festlichen Schein. Wenn das am Ende doch nicht sein Ziel sein soll, denkt Samuel, könne er anschließend getrost umkehren.

Als er endlich direkt vor dem Haus steht, kann er eine besondere Wärme spüren, die davon auszugehen scheint. Erwartungsvoll steigt Samuel die Stufen vor der Eingangstür hinauf und bleibt vor ihr stehen. Er kann wohlige Klänge im Inneren vernehmen, und auch feine Gerüche dringen nach draußen und an seine Nase. Er kann keine Klingel ausmachen. Auch kein Schild. Wer hier wohl wohnen mag? Wenn er jetzt nicht anklopft, wird Samuel es niemals erfahren, und so sehr er sich auch zur Raison rufen will – neugierig ist er allemal! Also atmet er noch einmal tief durch, er nimmt all seinen Mut zusammen, hebt die linke Faust und klopft auf Augenhöhe kräftig an.

Bereits bei seinem ersten Pochen gibt das Türschloss klickend nach und die Tür springt einen kleinen Spalt auf. Genug, um den Lichtschein von innen auf den Boden vor seinen Füßen zu werfen und ihm zu zeigen, dass es sich wirklich um weihnachtliche Klänge handelt. Sachte stößt Samuel die Tür auf und wirft einen Blick ins Innere des Hauses. Und dieser Anblick zaubert ihm das schönste Strahlen in sein Gesicht.

»Guten Abend«, haucht er und erhält als Antwort darauf keine Worte, aber lachende, nickende und fröhlich strahlende Gesichter. Samuel wird herein gewunken, und nun weiß er: Hier ist er richtig.

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