An jenem Ort

So manches Mal ertapp‘ ich mich:

Möcht‘ entfliehen meinem Dasein

Aufsteh‘n, Arbeit, Nächtens ruh‘n

Soll dies wirklich alles sein?

Doch wohin, wie soll ich‘s anstell‘n?

Einfach weg sein, so geht‘s nicht!

Was wird aus allem, wird aus mir?

Und meinen Liebsten? Habe ich

mir das gar viel zu leicht gedacht?

So viele Fragen, keine Antwort

Da lass‘ ich es doch besser sein!

… Außer es gibt einen Ort

an dem ich frei von Sorg‘ und Sünde

ganz alleine ich sein kann

Und gäb‘ es den, wie fänd‘ ich ihn?

Noch ist er gänzlich unbekannt

An einem Morgen meines Wegs

ich geh‘ und find‘ ein Türchen klein

Es steht verlassen, dort im Grase

links wie rechts kein Zaun anbei

Wo kommt das her? Wo führt es hin?

Die Phantasie geht mit mir durch!

Bringt dies mich an den fernen Ort?

Wohlan, mein Guter, keine Furcht!

Ich tret‘ heran, berühre sacht‘

das Eisen und verspüre: Nichts

Ich schließ‘ die Augen, glaub ganz fest

doch Hoffnung sich mit Zweifel mischt

Gibt es ‘nen besond’ren Trick?

Der Griff, ein Schlüssel, gar ein Reim?

Wen soll ich fragen? Wie erfahr‘ ich’s?

Selten fühlt‘ ich so allein.

Ein Lichtstrahl über mich hinweg

trifft auf das Gitter, hell und klar

erstrahlt es plötzlich, gülden scheint es,

glänzt ein Schimmer ebenda.

Ein sanfter Schauder mich durchfährt,

ich blicke durch die Gitterstreben

Schau auf eine fremde Welt,

ein neues Sein, ein and’res Leben.

Soweit man sieht, ist’s unberührt

dies ferne, weite, ruhige Tal

Keine Seele, nicht ein Tierlaut

war hier denn schon jemand mal?

Ich wandere durch hohe Wiesen

Felsen ragen vor mir auf

Ich blicke um mich, hör ich Wasser?

Dort nimmt ein Rinnsal seinen Lauf

Ich folge ihm ein kurzes Weilchen

Es führt mich tief in einen Wald

Äste brechen, Zapfen knacken

unter meinen Füßen bald

Ich rieche süß des Baumes Harz

doch sehe ich nicht ein Getier

Bin ich gar, soweit ich sehe,

das einzige Geschöpfe hier?

Und hinter all den alten Bäumen

finde ich ein Königreich

mit langen Mauern, hohen Türmen

vor einem malerischen Deich

Dies ist doch, und da geh‘ ich recht

von Menschenhand gemacht!

„Wo seid ihr?“, ruf ich, „Kommt heraus!“

Was habt ihr euch dabei gedacht?

Lockt mich in eure schöne Welt

Soll ich nun ganz verlassen

mein Dasein fristen, hier und jetzt

Für immer gottverlassen?

Ich wusste nicht, was mich erwartet

träumt‘ von Abenteuern!

Von Zwergen, Trollen, Drachen, Riesen,

und bin nun zu bedauern!

Nichts dergleichen find‘ ich hier,

keine Feen oder Elfen

Nicht einmal Prinzessinnen, die

mich anfleh‘n, ihnen zu helfen.

Hier bin ich bloß ein armer Wicht!

Allein mit mir und meinem Denken

Zuhause, ach, da war ich wer!

Wie konnte ich nur so tief sinken?

Zu glauben, es gäb‘ einen Ort,

an dem ich glücklicher könnt‘ sein

als wo ich meine Liebsten habe:

Frau, Kind, Katze und Meerschwein!

Ja, selbst das kleine Fellknäul fehlt,

und ob es mich gar auch vermisst?

Was trieb mich nur? Ich sollte schleunigst

umkehr’n, wenn’s noch nicht zu spät ist

Wohlan, ich setze einen Fuß

nur vor den ander’n, voller Kraft

Doch diesmal entgegengesetzt

den Weg, der mich hierhergeschafft

Ich lass‘ die Mauern hinter mir

durchstreif‘ den Wald so schnell wie nie

Dabei begegnet mir kein Tier

schon wie zuvor, ist niemand hier

Den Fluss erblick‘ ich, folge ihm

Sein Rauschen führt mich weiter.

Und an der Felswand linkerhand,

fühl ich mich bald befreiter

Die hohen Gräser bald erreicht

Ich spür sie unter meiner Hand

streifen sie, gar kitzeln mich

Und nun verlass ich dieses Land!

Das Tor! Wo ist es hin? Hier stand es!

Eben hier, ich irre nicht!

Genau die Stelle, sie scheint leer!

Was war ich bloß darauf erpicht

zu wünschen mich an einen Ort

den es nicht gibt, nicht geben kann?

Ich setz‘ mich hin, verzweifel‘ gar,

schließ‘ meine Augen, aber dann:

Was hör ich da? Ist es denn wahr?

Zwitschern wirklich Vögel dort?

Und weit entfernt, da spielen Kinder!

Wie kann das sein, an diesem Ort?

Ich schlage rasch die Augen auf

und fühl mich wie genesen!

Ich steh‘ noch immer vor dem Tor

Bin niemals fort gewesen!

Das Gitter funkelt bunt im Licht

doch zwischen seinen Streben

ist nichts zu sehen, war es nie,

die Welt hat’s nie gegeben

Da hat mir meine Phantasie

ja einen üblen Streich gespielt!

und mich gelehrt: Schätz‘ was du hast!

So bald mich NICHTS mehr hier fortzieht!

Ich setze meinen Heimweg fort

Erreich‘ bald mein Daheim

An jenem Ort bin ich zuhaus‘

Und werd‘ es immer sein

 

 

(c) 2017, Daniel Möller

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