Opernabend

Erschienen im November 2017 in der Anthologie:
„BuchBerlin Geschichten 2017 – 30 Autoren, 30 Geschichten“

 

Zuerst hielt ich es für den Schock, dass ich nichts spüren konnte.
Aus dem Nichts hatte mich jemand angebrüllt, zur Seite gestoßen, dann hörte ich einen Schuss. Mein Körper glitt zu Boden. Als man mir die Schuhe von den Füßen riss, die Armbanduhr abstreifte und die Taschen meines Anzugs nach Brieftasche und Autoschlüssel absuchte, fiel mir auf, dass jegliches Empfinden nachließ. Noch mehr irritierte mich nur, dass ich mich nicht im Geringsten rühren konnte.
Ich musste verfolgt worden sein, seit ich meinen Wagen in dieser Seitenstraße abgestellt hatte, mich beschlich gleich ein mulmiges Gefühl. Aber wer ahnt schon, dass er im nächsten Moment erschossen wird?
Es regnete, und ich lag reglos da, mit der Wange auf dem nass glitzernden Asphalt, einen meiner Arme über mir, den Rest meines Körpers konnte ich weder sehen noch fühlen. Ich weiß nicht, wie lange ich dort gelegen hatte, aber es kam mir unendlich lang vor, wie Tage, oder Wochen. Meinen Opernabend hatte ich mir definitiv anders vorgestellt.
Dieses endlose Warten bedeutete bald, mich mit meinen eigenen Gedanken auseinanderzusetzen. Wie lange das andauern würde, war mir zu dem Zeitpunkt nicht bewusst gewesen.
In Anbetracht meiner Lage kam mir mein Medizinstudium in den Sinn, damals, als wir Leichen begutachten und aufschneiden sollten. Es gab immer jemanden, dem schlecht wurde und der sich übergeben musste. Manches Mal sinnierten wir darüber, ob die Toten nicht doch etwas mitbekämen.
Und heute schien ich die Antwort auf diese dämliche Frage parat zu haben! Mit diesem Unsinn verrannte ich mich zwar, doch diesen meinen Gedanken war ich hilflos ausgeliefert. Es gab hier nur sie und mich.
Verdammt! Wie lange dauerte es, bis hier jemand vorbeikommen, mich entdecken und die Polizei rufen würde? Und während meine Ungeduld ins Unermessliche anstieg, bemerkte ich etwas Seltsames. Die Regentropfen fielen ungewöhnlich schwergängig, fast wie in Zeitlupe vom Himmel herab. Direkt vor meiner Nasenspitze berührten sie den Boden und zersprangen gleich kleinen Krönchen, um dann mit ihm zu verschmelzen.
Das war unmöglich, dachte ich. Doch ich kam mehr und mehr zu dem Schluss, dass es nur eine Erklärung geben konnte:
Ich starb. In diesem Moment. Ich konnte mich nicht bewegen, keinen Laut von mir geben, nicht atmen, nicht einmal blinzeln. Immerhin war es mir noch gegeben zu sehen und zu hören. Und scheinbar verarbeitete mein Gehirn sämtliche Informationen nur in verzögerter Form. Nach
dieser vermeintlichen Erkenntnis rechnete ich erschreckend gefasst jede Sekunde mit meinem plötzlichen Tod.
So fühlt sich also Sterben an. Man darf sich noch eine Weile an der Natur erfreuen. Oder in meinem Fall an dreckigen Hauswänden. Ich empfinde keinerlei Schmerz. Nur ein einziges Gefühl macht sich in mir breit. Eine wohlige Wärme, die von meiner Brust auszugehen scheint, durchströmt mich. An sich macht das keinen Sinn, denn wir schreiben November, und ich liege auf der kalten, nassen Straße. Der Schuss traf auch nicht meine Brust, sondern in meinen Hals. Und doch spüre ich diese Wärme aus meiner Körpermitte heraus.
Endlich! Entfernt sehe ich Personen auf mich zukommen. Aber diese Beobachtung erscheint mir ebenfalls unfassbar zeitverzögert. Ein Mann beugt sich zu mir herab, seine Frau hält erschrocken die Hand vor ihr Gesicht. Er berührt zögernd meinen Körper. Dann zieht er sein Handy aus der Tasche. Es vergeht eine weitere Ewigkeit, bis Streifen und ein Krankenwagen anrollen. Zahlreiche Uniformierte. Ich sehe sie ihre Köpfe schütteln. Gemeinschaftlich heben sie meinen schlaffen Körper an. Dabei kommt es mir vor, als schwebe ich. Dann wird es schwarz über mir.
Ich hätte am Geräusch erkennen können, dass es sich um einen Reißverschluss handelt, wenn es nicht so verzerrt geklungen hätte. Nach schier endloser Stille wird er wieder geöffnet und über mir erstrahlt gleißendes Licht. Der Himmel ist das aber nicht, nur die Pathologie. Sollte ich bald das Zeitliche segnen, wird dies also der letzte Ort sein, den ich zu Gesicht bekomme.
Jemand erscheint über mir. Ihr schwarzes Haar glänzt im Lampenschein, und ein Namenschild verrät ihren Namen: Dr. Alicia Prisane. Pietätvoll schließt sie meine Augen. Dann schaltet sie das Radio ein. Don Giovanni. Geschmack hat sie ja.
Da dieser Mistkerl mir alles geraubt hatte, ist es nur anhand meines Zahnstatus möglich, mich zu identifizieren. Ausgerechnet mich, ein Dentalchirurg.
„Dr. Emile Hammond, DMD“ liest Dr. Prisane quälend langsam vom Computerbildschirm ab. Ich stelle mir vor, wie sie dabei die Nase rümpft, wie sie es oft tun, die uns Zahnmediziner nicht für voll nehmen. Ich denke mir meinen Teil. Immerhin habe ich mich – im Gegensatz zu ihr – stets um die Lebenden gekümmert!
Ach, wozu dieser Gram? Der hilft mir in meiner jetzigen Situation auch nicht weiter. Außerdem ist Dr. Prisane wohl die letzte Person, die mir Gesellschaft leisten wird. Und außerhalb dieser Mauern ist sie wahrscheinlich gar kein übler Mensch.
Ich hätte gedacht, dass mir meine eigene Obduktion sehr viel mehr zusetzen würde. Immerhin wohne ich ihr bei vollem Bewusstsein bei. Doch nichts dergleichen. Dr. Prisane behandelt meinen Körper äußerst respektvoll. Durch halbgeöffnete Lider kann ich ansatzweise erkennen, was sie tut. Sie spricht Notizen aufs Band, von denen ich nur die Hälfte verstehe. Ich folge lieber der Musik, auch wenn ich sie in diesem Tempo nur bedingt genießen kann.
Noch immer hier. Was dauert da bloß so lange? Allmählich mache ich mir Sorgen, ob ich irgendwann selig einschlafen werde! Dass ich mir mal meinen Tod herbeisehnen würde …
Ein Detective betritt die Pathologie, Dr. Prisane streift ihre Handschuhe ab und spricht mit ihm. Und er hat erstaunliches mitzuteilen!
„Wir haben ihn. Fünf Blocks weiter überfiel er einen Drugstore und hat in die Wand über dem Kassierer geschossen. Identisches Kaliber.“
Unfassbar, was diese Worte in mir auslösen! Die Wärme in mir steigt und umgibt mich.
Dr. Prisane beugt sich über mich, als der Detective den Raum verlassen hat. Ihr Gesicht wirkt barmherzig. Ihre Augen zittern. Sie lächelt mich an. Hübsch wie ein Engel.
„Finde deinen Frieden“, sagt sie, und ich bin gewillt zu glauben, sie spürt, dass ich noch da bin. Ein letztes Mal schließt sie zärtlich meine Augen.

Die Musik verstummt.

Bin ich … etwa … ?

 

© 2017, Daniel Möller

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Newsletter-Archiv: November 2017

Willkommen zum Newsletter im November

Vielen Dank für Eure Geduld, denn erwartungsgemäß erscheint auch dieser Newsletter etwas später als erwartet, dafür aber mit allerlei Neuigkeiten, die ich Euch nicht länger vorenthalten will!

In den letzten Monaten habe ich meine Buchprojekte etwas hinten angestellt und mich verstärkt Gedichten und Kurzgeschichtengewidmet. Die sind nicht nur eine tolle Schreibübung, sondern machen auch noch viel Spaß – nicht zuletzt beim Lesen. Und durch diesen Zeitvertreib hat sich sogar noch eine besondere Chance ergeben:

Stolz darf ich verkünden, dass meine bisher unveröffentlichte Kurzgeschichte „OPERNABEND“ von einer Fachjury ausgewählt worden ist und Teil der ersten BuchBerlin-Anthologie sein wird! Derzeit befinden sich die „BuchBerlinGeschichten – Band 1“ im Druck und werden ab dem 25.11. ausschließlich auf der Buchmesse in Berlin erhältlich sein.
Im Anschluss daran erhalte ich das Recht zurück, meine Geschichte auch auf anderem Weg zu veröffentlichen. Ratet mal, wer sie dann in jedem Fall zu lesen bekommt 😉

Doch das ist noch nicht alles! Anfang des Jahres habe ich mich mit einigen Autorinnen und Autoren von FanZauberzusammengeschlossen und endlich darf unser Geheimnis gelüftet werden:
Eine weitere Kurzgeschichte aus meiner Feder wird Teil einer großartigen Anthologie sein! „FanZauber – Autoren entführen dich in ihre Welt“ heißt unser Gemeinschaftswerk, und der Releasetermin wird ebenfalls in wenigen Tagen bekannt gegeben!

Und last but not least: Heute erfahrt Ihr den offiziellen Veröffentlichungstermin von

DAS PLAGIAT

Am Sonntag, den 26.11. erscheint mein Debütroman veredelt und im völlig neuen Gewand im SadWolf Verlag! Das Buch wird als E-Book und Taschenbuch erhältlich sein!
Das Cover ist noch streng geheim 🙂 Da muss wohl die Tage noch ein Sonder-Newsletter raus! Aber hier habt Ihr schon einmal den Klappentext, falls Ihr von meinem Roman noch nie etwas gehört habt:

„Als Journalist arbeitet der frustrierte Verlagsangestellte Christopher perspektivlos in den Tag hinein, bis ihm unerwartet ein Manuskript in die Hände fällt, das zum Bestseller werden könnte. Auf einen Schlag wäre dadurch seine berufliche Zukunft abgesichert – zugleich würde es für ihn die lang ersehnte Chance bedeuten, sein Leben endlich in den Griff zu bekommen.
Doch langsam kommen Christopher Zweifel, ob der windige Gelegenheitsverbrecher Dirk den Roman tatsächlich selbst geschrieben hat. Die Zeit tickt, denn Christophers Arbeitgeber droht die Verlagsübernahme und von Dirk fehlt jede Spur. Eine spannende Jagd nach der Wahrheit beginnt.“

Wie Ihr unschwer erkennen könnt, ist meine Aufregung zurzeit besonders groß, und daher kann ich nicht anders, als Euch an meiner Freude teilhaben zu lassen! Daher verlose ich nun unter allen Empfängern dieses Newsletters eine Taschenbuchausgabe von „Die Träume, die ich rief“! Dazu gibt es jede Menge Lesezeichen und einen schönen Traumfänger 😉 Ihr seht also, allein die Anmeldung zum Newsletter kann sich auszahlen!
Ich wünsche Allen viel Glück! Der/die Gewinner/in wird in den nächsten Tagen kontaktiert.

Termine

Aktuell freue ich mich sehr auf den Besuch der:

25./26.11.2017 – BUCHBERLIN im Estrel Congress & Messe Center (12057 Berlin)

 

Außerdem erscheinen bald:

25.11.2017           „BuchBerlin Geschichten: Band 1“
26.11.2017           „Das Plagiat“
November 2017:  „FanZauber Anthologie – Autoren entführen dich in ihre Welt“

 

Danke fürs dabei sein, und bis bald! Wir lesen uns 😉
Beste Grüße
Daniel Möller