Vollzeitautor? ICH? Hhmmm …

Schon seit 2 Jahren, wann immer ich von Freunden, ehemals Bekannten, entfernten Verwandten, Kollegen (denen ich nicht täglich über den Weg laufe) auf mein „Schriftsteller-Dasein“ angesprochen werde, kommen natürlich immer die üblichen Floskeln:

  • Boh, du bist ja jetzt berühmt!
  • Was verdienst du damit so?

Und so weiter … aber EINE habt ihr sicher auch schon mal gehört:

  • … dann brauchst du ja bald gar nicht mehr arbeiten?!

Ja, ja. Das hättet ihr wohl gern! Natürlich träumen viele von uns davon, eines Tages eine derartige Fanbase aufgebaut zu haben, traumhafte Bücher zu schreiben, nach denen sich jeder die Finger leckt, und Verkaufszahlen, die sich gewaschen haben – um endlich endlich den Hauptberuf an den Nagel hängen zu können und „nur“ noch vom Schreiben zu leben.

Dass dieser Gedanke weitestgehend nur eine schöne Illusion darstellt und für 99,87% von uns die Realisierung nie erreichen werden (oder beim Versuch an Hunger sterben) sei einmal dahingestellt. Aber vorstellen darf man es sich noch, oder? Würde mir das überhaupt reichen? Nicht mehr Teil eines Unternehmens, eines Handwerks, einer Praxis, einer Institution zu sein? Den täglichen Schnack mit den netten Kollegen aufgeben? Stattdessen lediglich Schreiben, Lesen, Korrigieren, schreiben, fluchen, recherchieren, schreiben und Werben?

Ich bin Realist: Ich WEIß, dass ich nicht von heute auf morgen berühmt werde, und auch, dass ich nicht drei gescheite Bücher pro Jahr nachlegen kann (Ich habe noch 30 Arbeitsjahre vor mir, das sind fast 100 Romane! Und denkt mal an die kümmerliche Rente ab da …) Und dennoch! Darüber nachgedacht habe ich schon. Und im Januar ergab sich eine Gelegenheit, einmal auszutesten, wie das so wäre …

Für gewöhnlich plane ich den Urlaub mit der Familie komplett zusammen. Das heißt, wir haben gemeinsam frei, oder ich decke zumindest eine der Ferienwochen ab, damit hier kein Kind tagelang alleine ausharren muss. Nun musste ich betriebsbedingt im Januar eine Woche freinehmen. … UND HATTE STURMFREIE BUDE!

Der Schlachtplan war schnell geschmiedet, 1 Woche komplett nur fürs SCHREIBEN (ok, und was eben damit zusammenhängt). Projekte waren genug offen, daran sollte es nicht liegen. Ich musste noch die Lektoratsfahne von DAS PLAGIAT durchackern, außerdem noch ein Geheimprojekt Korrekturlesen. Werbung für den aktuellen Roman gestalten geht bekanntlich immer, Kontakte zu Bloggern, Romane signieren und verschicken. Läuft! Aber was nun folgt, ist ein kleiner feiner Erfahrungsbericht über Vorstellungen und die Realität:

Montag, 7.30: Alle sind aus dem Haus. Alle? Nee, ich nicht! Ich bin frisch angezogen und stapfe mit dem ersten Kaffee in der Hand die Treppe hinauf (das Büro ist oben!). Ich bin voller Tatendrang. Ich bin gut drauf. Ich bin glücklich.

Erstmal wird der Schreibtisch sortiert, sonst kann hier keiner arbeiten. Vor 5 Minuten noch war ich der Meinung, in 1-2 Tagen könnte ich das Lektorat vollständig gelesen und mit eigenen Anmerkungen gespickt haben. Dann belehrt mich das Online-Banking eines Besseren: Ich muss zunächst ein Dutzend Bücher signieren und verpacken. Einher geht damit die Buchhaltung: Rechnungen ausstellen, Zahlungseingänge in Excel eintragen, Porto mit Adresse ausdrucken … ab einer gewissen Zahl macht man so etwas einfach nicht mehr nebenher. Man braucht dafür den halben Tag. Die zweite Hälfte ZWINGE ich mich, zu Lesen und die Korrekturen in meinem Kopf zu verarbeiten. Weiterhin kämpfe ich gegen den Drang an, nachzuschauen, ob es etwas Neues in Facebook gibt. Schließlich soll das ja auch was werden. Mehr als 20% schaffe ich an Tag 1 dennoch nicht.

Quintessenz des ersten Tages: Zumindest habe ich nun ein System, wie eine Bestellung systematisch abgearbeitet werden kann. Ich kann ganze 2 Stunden OHNE Facebook auskommen. Nur 1 ohne Kaffee … Außerdem habe ich wenigstens ein paar Schritte getätigt, als ich die Päckchen zum Briefkasten gebracht habe.

An Tag 2 gehe ich schon etwas missmutiger die Stufen hinauf. Der gestrige Tag hat gezeigt, wie schnell die Zeit verfliegen kann, also setze ich heute Prioritäten: LEKTORAT kommt an Platz 1! Zumindest solange, bis ich feststelle, dass zwei weitere Zahlungen eingegangen sind … Ich teste aus, wie schnell ich 2 Bücher signieren, verpacken und kommissionieren kann, denn zahlende wartende Leser LÄSST man nicht warten! Neben 2 prallen Päckchen arbeitet es sich schließlich viel angenehmer, das Abschicken wird auf den frühen Nachmittag verschoben.

Danach folgte tatsächlich die Hauptarbeit: LEKTORAT durchlesen und bearbeiten. Ich schaffte weitere 35% davon in annehmbarer Zeit! Ich stellte jedoch auch fest, wie sehr Augen brennen können (ich hatte ja keine Vorstellung). Um meine Augen vom Dauersuchmodus etwas zu schonen, streue ich gegen Mittag etwas Werbung auf Facebook – verliere mich in fremden Beiträgen – like Gewinnspiele von befreundeten Autoren – teile teilungswürdige Beiträge – überlege mir mein eigenes nächstes Gewinnspiel. Ich schüttle den Kopf, denn ich schweife ab! Der Nachmittag nähert sich

Ich esse spät zu Mittag, mache mich auf den Weg, die Päckchen einzuwerfen, hole die Tochter von der Schule ab. Morgen ist auch noch ein Tag.

Und sein Name ist Mittwoch, gestatten: Wochenteiler. So langsam bekomme ich Torschlusspanik. Ich wollte doch das Lektorat abschließen? Und, ach herrje, da war doch noch etwas Korrektur zu lesen! Und ich hatte bis Ende der Woche versprochen … Ich sehe nur eine Möglichkeit: Simultan arbeiten!

Natürlich kann man nicht 2 Dinge gleichzeitig machen, aber ich musste herausfinden, woran ich war und was noch zu retten ist. Also markierte ich mir eine Stelle, schaltete sämtliche Störfelder aus (vor allem Facebook) und arbeitete hochkonzentriert 2 Stunden am Stück. Danach nahm ich mir das Geheimprojekt, startete die Stoppuhr und begann das Manuskript durchzuackern, wieder 2 Stunden. Danach der x-te Kaffee gefolgt von einem Mittagessen und der Auswertung des Vormittags. Ergebnis: Bis Freitag Nachmittag würde es knapp werden, beides zu schaffen, aber es war nicht unmöglich …

Ich arbeitete abwechselnd noch einmal in beiden Projekten und schloss zum Nachmittag mit beträchtlichen Prozentsätzen ab. Die zweistelligen Zahlen machten Mut. Sie machten sogar Lust auf mehr, auf morgen. Und dann fiel mir ein, dass ich für Donnerstag einige Versprechen geleistet hatte …

Donnerstag. Es half alles nichts. Versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen! Ich hatte mich eigentlich auch sehr darauf gefreut – es bloß schon wieder vergessen … 5 Freunde hatten um ein signiertes Exemplar von DIE TRÄUME, DIE ICH RIEF gebeten, und ich sagte selbstverständlich: Die verschicke ich nicht, die bringe ich persönlich vorbei! Mit zweien einigte ich mich auf Donnerstag, die anderen sind berufs- oder kinderbedingt ohnehin zuhause, also startete ich ab 10 Uhr einen kleinen Marathon …

Nach etlichen Kaffees und netten Gesprächen kehrte ich gegen Mittag zurück an den Schreibtisch. Ich freute mich über die unbändige Energie, da ich den Vormittag „frei“ hatte. Auch meine Augen brannten nicht mehr wie noch am Tag zuvor, und ich machte mich daran, die Prozentsätze beider Projekte noch einmal drastisch zu erhöhen.

Freitag. Allmählich macht sich Ernüchterung breit. Ich schätze … nein, mir wird klar, dass eventuell … ach, ich WEIß, dass ich nicht mehr fertig werde! Der Ursprungsplan – wenn die beiden Projekte abgeschlossen sind, kann ich ja noch die halbe Woche auf ein neues Manuskript aufwenden – ist schon mal komplett in Rauch aufgegangen! Eigentlich war das schon am Montag der Fall, aber erst jetzt wird es mir so richtig klar.

Nun gut, Schadensbegrenzung. Wo stehe ich? Wieviel fehlt noch? Verdammt. Beides werde ich nicht schaffen. Ich entscheide mich erneut dafür ein Versprechen zu halten (ich darf nicht mehr so leichtfertig Versprechen geben!) und beende vorrangig die Korrektur des Geheimprojekts.

Gegen Mittag ist zumindest dieser Part abgeschlossen. Ein paar Prozent konnte ich danach noch am Lektorat gutmachen – auf 85% schaffte ich es. Na schön, dann wird eben noch am Wochenende gearbeitet. Mal wieder …

Was also hat mir diese Woche gezeigt? Antworten auf viele Fragen, die ich mir bewusst oder unbewusst gestellt hatte:

  • Nein, ich bin KEIN Vollzeitautor
  • Ich will auch keiner sein …
  • Ich brauche grundsätzlich für alles länger, als ich glaube
  • Vor allem die vermeintlich kleinen Aufgaben benötigen viel Aufmerksamkeit
  • Facebook ist Produktivitätskiller Nummer 1
  • Und Nummer 2 und auch Nummer 3
  • Ich sollte öfters Freunde besuchen – Nur DAS ist keine verschwendete Zeit
  • Der Schulhof der Grundschule direkt gegenüber meines Büros NERVT, vor allem wenn Große Pause herrscht!
  • Da fällt mir wieder ein, warum ich Vollzeit WOANDERS arbeiten gehe …

Die wohl wichtigste Lektion war für mich Folgende: Das Schreiben ist für mich ein Hobby, und es macht mir wirklich Spaß! Ich lerne stetig dazu und ich freue mich darauf, wenn dabei etwas herauskommt, das ich in Händen halten kann. Und wenn ich anderen mit meinen Werken eine Freude machen kann, ist das mein schönster Lohn. Ich will und kann davon nicht leben, ich lege derzeit sogar dabei drauf, aber es ist eben auch nur mein HOBBY. Und wenn ich dieses plötzlich Vollzeit betreibe, schwindet der Spaß. Das habe ich gemerkt, und das war nicht schön! Vielleicht wäre es anders gewesen, wenn ich statt dieser beiden Projekte mich in ein neues Manuskript gestürzt hätte. Dennoch denke ich, dass meine Kreativität stark gelitten hätte, wenn ich tagelang nichts anderes gemacht hätte, bis ich mich zum Schreiben hätte zwingen müssen …

Vielleicht in einem anderen Leben, jetzt mache ich erstmal so weiter wie bisher 😉

Herzliche Grüße

Euer Daniel

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Autor:

Die Seite ist meiner schriftstellerischen Tätigkeit gewidmet.

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