Mehr Schein als Sein

Lisa hatte sich die ganze Woche auf ihren Tag mit Papa gefreut. Sie spielte mit ihm stundenlang Mau Mau, es gab Kekse und warmen Kakao.

»Genug Süßes für heute, meine Süße. Jetzt gibt es nur noch Obst bis zum Abendessen«

»Na, gut«, quietschte Lisa, »dann will ich Apfel!«

Henri ging in die Küche und warf einen Blick in den Obstkorb. Darin lagen riesige, dunkelrot glänzende Äpfel, die Lisa beim Einkaufen mit Mama ausgesucht hatte. Henri schnitt und schälte aber einen der blassroten Äpfel klein, da sie schon länger da waren, und weil er wusste, dass sie einen feineren, süßen Geschmack hatten.

Lisa aß sie mit Genuss und ihr Vater sah sie dabei lächelnd an.

»Hmm, die habe ich gut ausgesucht«, schmatzte Lisa.

Henri hatte seinen Kopf auf die Hände abgestützt und sah sein Töchterchen vergnügt an. »Ach, das glaubst du, ja? Nun, das ist aber keiner von deinen Äpfeln, sondern einer der kleineren, blassen, hubbeligen, die du nicht essen wolltest«

Lisa stand der Mund offen. Sie verstand gar nicht, wie das sein konnte »Aber meine sehen doch so lecker aus!«

»Warte kurz«, sprach Henri liebevoll und stand erneut vom Wohnzimmertisch auf.

Er schnitt nun auch einen der tiefroten Äpfel und brachte ihn ihr.

»Der schmeckt ja nach gar nix. So wie Wasser«, sagte sie und verzog ein wenig ihr hübsches Gesicht.

Henri nickte und lächelte selbstzufrieden. Dann fiel ihm ein schöner Vergleich ein.

»Du hattest ja recht, Lisa, deine Äpfel sehen köstlich aus. Das liegt daran, dass wir Menschen gerne nach dem Äußeren gehen. Was so schön ist, muss einfach gut sein. Das Innere jedoch, das können wir nicht sehen«

Lisa sah ihren Vater mit großen Augen an. Sie liebte es, wenn er ihr die Welt erklärte. Aber diesmal war es irgendwie besonders. Womöglich würde sie dieses Gespräch in ihrem Leben nicht mehr vergessen. Henri bemerkte ihr Glänzen im Blick und fuhr fort.

»Siehst du, wie uns unsere Augen einen Streich spielen wollen? Genauso ist es übrigens mit Menschen. Die Schönen sind zwangsläufig nicht die Nettesten. Aber auch das merkt man leider oft viel zu spät.«

»Mama ist aber wunderschön«, empörte sich Lisa und stemmte ihre kleinen Fäuste in ihre Hüfte, »und trotzdem totaaal lieb«

»Das stimmt, Lisa«, antwortete Henri ihr und musste furchtbar grinsen, »und als ich das damals gemerkt habe, wusste ich, dass ich sie heiraten muss…«

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Autor:

Die Seite ist meiner schriftstellerischen Tätigkeit gewidmet.

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